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IN FREIBURG, ST. MARTIN 

DIE VERSUCHUNG DES PROPHETEN

Der Prophet Elia befindet sich, wie die Lesung berichtet, auf der Flucht. Und am Fu eines heiligen Berges hat er eine besondere Begegnung mit seinem Gott Jahwe, beim Eingang einer Hhle, eine Begegnung, die ihm die Kraft gibt, aufs Neue seinem Prophetenberuf nachzugehen. Er war geflohen, weil man ihm nach dem Leben trachtete. Kompromisslos hatte er sein Volk angeklagt, hatte es doch den wahren Gott verlassen. Das Volk lief den Gtzen nach, es war bermtig und verblendet, es whlte seinen Untergang, mit offenen Augen lief es ins Verderben. Blind waren vor allem die Fhrer des Volkes damals, Achab, der Knig, und seine Frau Isebel. Auf der Flucht vor ihnen hatte sich der Prophet in die Wste begeben und war bis zum Berge Horeb gekommen. Das ist der Berg Sinai, an dem Gott einst - nach dem Auszug aus gypten - den Bund mit seinem Volk geschlossen hatte. Niedergeschlagen und missmutig, war er der Verzweiflung nahe.

In dieser Situation erlebt er einen heftigen Sturm, ein starkes Erdbeben, ein furchtbares Ge- witter und dann - das zarte Suseln des Windes. Im zarten Suseln des Windes erkennt er seinen Gott, berwindet er die innere Krise, in die er geraten ist, durch die Angst und durch den Misserfolg, findet er Trost und neue Kraft fr seinen Prophetenberuf. Die Gottesbegeg- nung, die ihm geschenkt wird, macht ihn wieder stark, sie befhigt ihn, sich aufs Neue auf den Weg zu begeben, den Gott ihm vorgezeichnet hat, und diesen Weg nun unbeirrt zu En- de zu gehen, das letzte Stck seines nicht leichten Lebensweges.

Gott erteilt dem Propheten mit dem, was ihm hier widerfhrt, eine Lektion, die auch uns gilt. Sie lautet: Gott verlsst die Seinen nicht, auch wenn es zuweilen den gegenteiligen An- schein hat, er verlsst die Seinen nicht, wenn sie sich ihm gegenber nicht vollends ver- schlieen, wenn sie ihm das Vertrauen nicht gnzlich aufkndigen. 

Elia versteht die Lektion, die Gott ihm erteilt. Er wendet sich erneut seiner Berufung zu. Und Gott fhrt ihm einen kongenialen Schler zu, den Propheten Elisus, der schon bald sein Werk weiterfhren sollte. Das war um 850 vor Christus im Nordreich Israel. 

*

Die Begebenheit der Prophet auf der Flucht und seine erneute Hinwendung zu Gott, der ihn selber trstet und strkt, sagt uns zweierlei: 

Erstens: Gott braucht auch heute Propheten, Menschen, die seinen Namen und seine Rechte in der Welt verknden, die den Mchtigen dieser Welt entgegentreten, die sich nicht ein- schchtern lassen durch Ablehnung und Verfolgung, die nicht den Weg des geringsten Wi- derstandes gehen, die bereit sind, sich missliebig zu machen. Propheten, die mit den Wl- fen heulen, die den Leuten nach dem Munde reden, gab es damals, zur Zeit des Elia, nicht wenige in Israel. Hunderte von ihnen hatte der Knig Achab. Als Hofpropheten bezeichnete man sie, diese Propheten, die das sagten, was gefiel. Sie waren angesehen und konnten gut leben von ihrem Prophetenamt. Sie gefielen den Menschen, den Menschen gefielen sie, Gott aber waren sie ein Greuel. Im Neuen Testament heien sie Pseudopropheten, Schein- propheten, oder Lgenpropheten, diese Hofpropheten. 

Zu allen Zeiten braucht Gott Propheten wie Elia, Propheten, die fr die Wahrheit kmpfen und fr das Gute - die Wahrheit ist das Gute - , gegebenenfalls mit dem Mut der Verzweif- lung, die das Bse und die Lge entlarven, die Mord Mord nennen und Ehebruch Ehebruch und Unzucht Unzucht und Schamlosigkeit Schamlosigkeit. Zu allen Zeiten braucht Gott Men- schen, die die Gtzen der Menschen beim Namen nennen, die Gottes Wahrheit und seine Weisung verknden. Die Gtzen der Menschen sind heute vor allem der Lebensstandard, der Besitz, das Ansehen, die Macht und der Lebensgenuss. Viele geben es offen zu, und sie schmen sich dessen nicht einmal mehr: Der einzige Sinn des Lebens ist fr sie, sich - wie sie sagen - ein schnes Leben zu machen. Das heit: Sie setzen nur auf die kleine Spanne dieses irdischen Lebens von der Geburt bis zum Tod. Sie vergtzen diese vergngliche Welt. Die Jungen sind darin konsequenter als die Alten, aber sie lernen es von den Alten. 

Zu allen Zeiten braucht Gott Propheten,  die das Bse in seinen vielfltigen Formen auf- decken und die die Menschen auf ihre Verantwortung, auf Gott und auf die Ewigkeit verwei- sen. Schon immer hat er Menschen in seinen Dienst genommen, um die Menschen und die Welt zu retten. Er braucht Propheten wie Elia, die konsequent sind, oder Propheten wie Jo- hannes, den Tufer, von dem es heit, dass er im Geist und in der Kraft des Elia wirkte. 

Die Propheten, auf die Gott heute setzt, sind zunchst die Priester und die Bischfe. Aber schlielich sind wir alle Propheten in diesem Sinne dank unserer Berufung durch die Taufe und durch die Firmung, denn durch uns alle will Gott wirken, durch einen jeden von uns. Gott setzt auf jeden Einzelnen von uns. 

Aber - wenn wir unsere Berufung ernst nehmen, so kann uns das in die schmerzliche Erfah- rung der Gottesferne fhren, an den Rand der Verzweiflung. Damit sind wir bei dem zweiten Gedanken, zu dem uns die Geschichte des Elia fhrt: 

Die Erfahrung der Gottesferne gehrt zum Schicksal des Propheten. Gott fhrt seine Prophe- ten zuweilen in groe Enttuschungen. Aber er lsst sie dann nicht allein, wenn sie ihm das Vertrauen nicht gnzlich aufkndigen. In der uersten Einsamkeit finden sie dann viel- mehr zu einer neuen und tieferen Begegnung mit Gott, knnen sie dann zu einer neuen und tieferen Begegnung mit Gott finden. 

In unscheinbaren Ereignissen erleben sie in einer solchen Lage - wie Elia - aufs Neue die Nhe Gottes, damit sie sich ihrer prophetischen Berufung erneut zuwenden knnen, voraus- gesetzt, dass sie ihr Herz nicht gnzlich verschlieen, dass sie sich nicht in der Hhle ver- kriechen - bildlich gesprochen -, dass sie am Eingang der Hhle stehen, wie einst Elia, am Eingang der Hhle am Fue des Berges Sinai. 

 

Kein menschliches Auge kann Gott sehen, der Verstand wei um die Existenz Gottes, aber sehen kann ihn kein menschliches Auge. Das ist nicht mglich. Der Verstand wei um die Existenz Gottes, der Glaube erfhrt von seinen Taten durch die Offenbarung, und das glu- bige Herz kann ihn erspren, manchmal sehr real und beinahe sinnenhaft wie Elia, wenn er die Gnade dazu gibt, und zwar in den Vorgngen der Natur und in den Ereignissen des Le- bens. Solche Sternstunden schenkt Gott uns, wenn wir in Treue seinen Auftrag erfllen und wenn wir ihm auch in kritischen Situationen die Treue halten. In dem Bericht von der Beru- fung des Propheten Jeremia - er wirkte mehr als 200 Jahre spter im Sdreich - lesen wir das schne Wort: Frchte dich nicht ... denn ich bin bei dir (Jer 42,11). Das gilt fr jeden Propheten, das gilt auch fr uns.  Frchte dich nicht ... denn ich bin bei dir. Darin, in die- ser Aufforderung, wird gewissermaen die Lesung des heutigen Sonntags illustriert. Gott ist mit uns, er verlsst uns nicht, wenn wir nicht ihn zuvor verlassen. - Die Gottesbegegnung des Elia im Suseln des Windes wiederholt sich unzhlige Male in der Geschichte des Heiles. Auch in unserem Leben mchte sie sich immer wieder einmal wiederholen. Amen.

 

PREDIGT ZUM 18. SONNTAG IM KIRCHENJAHR, GEHALTEN AM 31. JULI 2005 
IN FREIBURG, St. MARTIN

NICHTS KANN UNS TRENNEN VON DER LIEBE GOTTES, 
DIE IST IN CHRISTUS, UNSEREM HERRN

Der heilige Paulus bekennt in der Lesung, die wir soeben vernommen haben, dass ihn we- der Not noch Drangsal und dass ihn weder Verfolgung noch Hunger noch irgendeine Gefahr von der Liebe Gottes in Christus zu trennen vermgen. Diese Aussage mssen wir zusam- mensehen mit zwei weiteren Aussagen, die den Stzen unserer Lesung vorangehen. Die eine Aussage: Wenn Gott fr uns ist, wer knnte dann gegen uns sein (R 8, 31) und die an- dere: Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Guten (R 8, 28).

*

Das Bekenntnis des Paulus ist eine Aufforderung an uns alle, dass wir uns ganz fest an Gott binden und dass wir unser Leben in ihm verankern. Wenn wir in Gott verwurzelt und in seiner Liebe geborgen sind, so kann uns nichts und niemand mehr etwas anhaben. Wenn wir in Selbstdisziplin Gottes Willen erfllen und wenn wir so ein gutes Gewissen haben drfen, dann ist Gott fr uns, dann aber kann sich eine ganze Welt gegen uns stellen, dann kann uns nichts mehr unsere innere Gelassenheit nehmen. Denn denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Guten, auch das momentan Schwere und Rtselhafte, das, was wir augenblicklich nicht verstehen und was uns als schwere Last erscheint. Es geht hier um die letzte Geborgenheit in Gott, die aus einem unbesiegbaren Vertrauen hervorgeht, es geht hier um einen gereiften Glauben, um ein hohes Niveau des christlichen Lebens, das nicht nur fr einige Auserwhlte gedacht ist, sondern Ziel des Bemhens eines jeden Getauften und Gefirmten sein muss. 

Hauptsache - in Gottes Liebe geborgen, das mssen wir uns sagen und das mssen wir in- nerlich vollziehen, immerfort, vor allem aber, wenn das Schicksal unsere Plne durchkreuzt oder zunichte macht, wenn alles anders kommt, als wir es erwartet haben, in unserem per- snlichen Leben, in unserem Familienleben und in unserem beruflichen Leben, wenn Miss- erfolge und Missdeutungen unser Leben beschweren, wenn wir durch Unterstellungen oder durch ungerechte Verdchtigungen und durch Nachstellungen bedroht werden oder wenn wir uns ganz und gar von allen Menschen und vielleicht sogar auch von Gott verlassen fh- len.   

Das hat Paulus erlebt, schmerzlich. Er wurde in seinem missionarischen Beruf geprft und gelutert, aber das fhrte ihn nur dazu, sich immer mehr an Gott zu binden, seine eigenen Vorstellungen und Plne zu Grabe zu tragen und das eine Notwendige zu suchen, die Liebe Gottes. So wuchs in ihm die berzeugung, dass uns dann, wenn wir unser Leben in Gott ver- ankern und wenn Gott fr uns ist und wir fr ihn sind, nicht nur mit Worten, das uns dann alles zum Guten gereichen wird.

Wir kennen die alttestamentliche Geschichte von dem Dulder Hiob, der im Leid lernen muss- te, sich ganz an Gott zu binden und damit frei zu werden gegenber dem Ereignishaften die- ser Welt.

Es gibt keine grere Freiheit fr den Menschen als jene, die hervorgeht aus der konse- quenten liebenden Hingabe an den Vatergott.                                                  

Heute begehen wir den Gedenktag des heiligen Ignatius von Loyola (+ 1556), der ein groes Werk vollbracht hat in seinem Leben mit der Grndung des Jesuitenordens, welcher heute eine Krise durchlebt wie nie zuvor in seiner ruhmreichen Geschichte. Ignatius hatte nach einem ausschweifenden Soldatenleben und nach einem lngeren Krankenlager in vielen durchwachten Nchten gelernt, sein ganzes Leben in Gott zu grnden und von daher alles brige zu relativieren.  Er hatte gelernt, sein Leben in Gott zu verankern und darin die hch- ste Freiheit gefunden, die einem Menschen berhaupt geschenkt werden kann. Von daher wurde er nicht nur mit einer tiefen Freude beschenkt, sondern auch mit einer auerge- whnlichen missionarischen Kraft, mit einer Einsatzbereitschaft fr Gott und die Menschen, die nicht ihresgleichen hat, die in dieser Gestalt einzigartig ist in der Geschichte der Kirche.

Absolute Bindung an Gott in Jesus Christus, das bedeutet unter Umstnden, den Mut haben, einen einsamen Weg zu gehen, auszuharren in der Nacht der uersten Verlassenheit. Frei- lich drfen wir diesen einsamen Weg erst nach ernster Prfung gehen, damit es nicht ge- schieht, dass wir unseren Eigensinn mit der Tugend der Gottesliebe verwechseln. Aber der einsame Weg ist der Weg Jesu, der in seinem Erdenleben mehr und mehr in die Isolierung geriet wegen seiner Konsequenz. Der einsame Weg, das ist der Weg des heiligen Paulus, des heiligen Ignatius von Loyola und ungezhlter Heiliger. Sie wurden dabei getragen von dem Wissen, dass uns, wenn wir vorbehaltlos auf der Seite Gottes und auf der Seite Christi und seiner Kirche stehen, in Liebe, dass uns dann alles zum Guten gereichen wird.

In diesem Geist ruft der Dulder Hiob in seiner grten Not aus: Ich wei, dass mein Erlser lebt (Hiob 19, 25), er wei es, auch wenn er es nicht empfindet, und in diesem Geist kann Paulus am Ende seines Lebens sagen: Ich wei, wem ich geglaubt habe (2 Tim 1, 12). 

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In der Lesung des heutigen Sonntags verrt Paulus uns das Geheimnis seines apostolischen Lebens und Wirkens. Wir erfahren: Die Quelle seiner Kraft ist seine absolute Verwurzelung in Gott. Durch die lebendige Bindung an den Vater in seinem Sohn Jesus Christus ist er der Verfallenheit an das Ereignishafte dieser Welt enthoben. Und nichts vermag ihn mehr zu trennen von der Liebe zu Gott. Dabei wei er, dass ihm nichts und niemand mehr etwas anhaben kann, wenn Gott fr ihn ist, denn denen, die Gott lieben gereicht alles zum Guten (R 8, 28). Ich denke, das ist ein imponierendes Lebensprogramm fr uns alle. Darin finden wir innere Gelassenheit und jene Heiterkeit der Seele, die das Leben der Heiligen immerfort zum Leuchten gebracht hat, unabhngig von den ueren Verhltnissen, in denen sie leb- ten. 

Worauf es ankommt in unserem Leben, das ist unsere feste Bindung an Gott, an Christus und an seine heilige Kirche, in der er lebt und wirkt, in Liebe. Vollziehen wir das, dann brau- chen wir uns vor nichts mehr zu frchten, dann gereicht uns alles zum Guten. Amen.

 

PREDIGT ZUM 17. SONNTAG IM KIRCHENJAHR, GEHALTEN AM 24. JULI 2005 
IN FREIBURG, ST. MARTIN

DER VERBORGENE SCHATZ UND DIE KOSTBARE PERLE

Am vergangenen Sonntag lehrte uns das Gleichnis vom Unkraut im Weizen, dass das Bse mchtig ist in unserer Welt, dass Gott Geduld hat mit dem Snder und dass er am Ende das Unkraut vom Weizen scheiden wird. Diese Gedanken ruft das Gleichnis vom Fischernetz noch einmal in die Erinnerung, das dritte der drei Gleichnisse des heutigen Evangeliums: Erst am Ende erfolgt die Scheidung. Sie erfolgt jedoch nicht willkrlich, es liegt vielmehr an uns, auf welcher Seite wir einmal stehen werden. Die zwei anderen Gleichnisse unter- sttzen und vertiefen diese Erkenntnis. Sie sagen uns, was wir tun mssen und wie wir leben mssen, damit wir am Ende auf der rechten Seite stehen. 

*

Wenn wir guter Weizen sein wollen, wenn wir zu den guten Fischen gehren wollen, dann muss unser Christentum entschieden sein und konsequent. Der Schatz im Acker und die kost- bare Perle sind Bilder fr das Leben in der  Freundschaft mit Gott in dieser Welt, fr das Gnadenleben, fr das gttliche Leben, das die Voraussetzung ist fr das Leben in der ewi- gen Gemeinschaft mit Gott jenseits der Schwelle des Todes. Frher haben wir von der heiligmachenden Gnade gesprochen. Das Leben in der gnadenhaften Gemeinschaft mit Gott ist wertvoller als alle Reichtmer dieser Welt. Schtzen wir es nicht so ein, so werden wir es nicht bewahren - in der Taufe ist es uns geschenkt worden -, oder so werden wir uns, wenn wir es verloren haben, nicht aufs Neue darum bemhen im Sakrament der mhsamen Tau- fe. 

Die Gleichnisse vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle wollen uns gegen die Halbheit in unserem Glaubensleben mobilisieren, gegen  ein Sonntagschristentum oder ge- gen eine noch anspruchslosere Form des Christentums. Sie warnen uns vor der Lauheit, die uns in der Offenbarung mit bewegten Worten als Gefahr und Versuchung vorgestellt wird und sie warnen uns davor, dass wir auf zwei Hochzeiten tanzen, auf der Hochzeit dieser Welt und auf der Hochzeit des Gottesreiches. Diese Warnung ist auch fr uns nicht unan- gemessen, denn wer steht, der sehe zu, dass er nicht falle. 

Viele von denen, die einmal getauft wurden, gehen einen bequemen Weg. Sie denken oder sagen: Es ist egal, wie man lebt. Wozu soll man sich so sehr bemhen? Wozu soll man sich so sehr anstrengen? Am Ende wird doch alles gut sein, egal, wie man gelebt hat, wenn es berhaupt noch weitergeht, denn, so fgen manche noch hinzu, niemand wei nichts. War- um also beten, wenn man keine Lust dazu hat? Warum am Sonntag in die heilige Messe gehen, wenn man schlafen oder einen Ausflug machen mchte? Warum die schwierigen Forderungen Gottes, wie sie auch heute noch, jedenfalls offiziell, in der Kirche vertreten werden, einhalten oder sich darum bemhen, sofern sie den Einsatz der ganzen Person ver- langen? Warum all das, wenn doch alle schlielich zu Gott kommen. Denken wir so, dann ist die Freundschaft Gottes, das gttliche Leben in uns fr uns nicht mehr so etwas wie ein Schatz im Acker oder wie ein kostbare Perle, wofr man alles hingibt, seine ganze Habe, wofr man sich gegebenenfalls auslachen und als Spinner beschimpfen lsst, wofr man ein eigenstndiges Leben fhrt und sich der allgemeinen Nivellierung widersetzt.

Nur dann knnen wir dem Leben trauen, wenn wir es in der Gnade leben. Sonst lebt es Gott nicht mit uns, und wir haben keinen Grund, Vertrauen zum Leben zu haben, dann haben jene Recht, die am Leben verzweifeln. Nur dann hat das Vertrauen zum Leben Hand und Fu, nur dann ist es nicht Vermessenheit und Selbstbetrug, wenn wir alles eintauschen ge- gen den Schatz im Acker und gegen die kostbare Perle, also gegen die Freundschaft Gottes, die uns nicht in den Scho fllt.

Mir sagte ein Priesteramtskandidat vor einigen Jahren, das Ziel der Pastoral der Kirche sei es, die Menschen zu einem erfllten Leben zu fhren. Das ist nicht ganz falsch, aber von be- zeichnender Einseitigkeit. Das Ziel der Pastoral der Kirche ist zunchst einmal die Gemein- schaft mit Gott, das Leben in der Gnade, worin wir uns vorbereiten auf die ewige Gemein- schaft mit Gott in der Vollendung des Himmels. Das bedeutet natrlich auch ein erflltes Le- ben in dieser Welt. Die Schrift sagt, dass uns alles brige dazugegeben wird, wenn wir das Reich Gottes suchen, entschieden und konsequent. Wenn wir aber nur ein erflltes Leben ansteuern, finden wir es nie. Das ist hier nicht anders als beim Glck. Eine Pastoral, die nur das erfllte Leben ansteuert, die nur Lebenshilfe bringen will, endet in einer Sackgasse. Die Pastoral der Kirche, sie muss die Menschen zu Gott fhren und sie lehren, ihr Leben ver- antwortlich vor Gott zu fhren, in der Gemeinschaft mit Gott zu leben, das erfllte Leben wird ihnen dann gleichsam gratis hinzugegeben, aber auch nur dann.

Das hat die Kirche immer gewusst, wir mssen es neu lernen, weil wir oft falschen Lehren gefolgt sind, weil die Weltweisheit uns oft mehr beeindruckt hat als das Wort der Offenba- rung. 

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Das Reich Gottes kann man nicht gewinnen, wenn man es auch sucht, man kann es nicht ne- benbei haben. Man muss bereit sein, alle irdischen Werte dafr herzugeben und einzuset- zen. Die Gemeinschaft mit Gott verlangt unsere ganze Aufmerksamkeit und unseren gan- zen Einsatz 

Das grte Unglck, das uns treffen kann, ist die Snde, die schwere Snde, die das Leben der Gnade zerstrt und uns die ewige Gemeinschaft mit Gott raubt.  

Von den Lauen heit es im letzten Buch der Heiligen Schrift, in der Geheimen Offenbarung, der Herr werde sie am Ende aus seinem Munde ausspeien (Apk 3,16).

Nehmen wir das Wort Gottes ernst. Nur dann hat unser Vertrauen zum Leben Hand und Fu. Dann aber, wenn wir entschieden und konsequent leben in der Ausrichtung auf Gott und die Ewigkeit, dann haben wir Grund, Vertrauen zum Leben zu haben, weil dieses Leben dann seine Fortsetzung finden wird im ewigen Leben jenseits der Schwelle des Todes. Amen.

 

PREDIGT ZUM 16. SONNTAG IM KIRCHENJAHR, GEHALTEN AM 17. JULI 2005 
IN MNCHEN, IM EXERZITIENHAUS SCHLOSS FRSTENRIED

LASST BEIDES WACHSEN BIS ZUR ZEIT DER ERNTE

Das Gleichnis vom Unkraut im Weizen enthlt drei wichtige Gedanken. Der erste Gedanke: Der Teufel ist nicht unttig, er existiert, und er wirkt verborgen, in der Dunkelheit, hinter den verschiedensten Masken, die ihm zur Verfgung stehen. Der zweite Gedanke: Zwar mssen wir das Wirken des Teufels vereiteln, wo immer wir es knnen, mssen wir den Acker Gottes bewachen, mssen wir dem Feind, der das Unkraut st, die Stirn bieten, mssen wir ihm die Maske vom Gesicht reien, aber soweit uns das nicht mglich ist, mssen wir Geduld haben. Und der dritte Gedanke: Einmal wird die groe Abrechnung kommen. Einmal wird Gott das Unkraut von dem guten Weizen trennen.

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Wenn wir genau hinsehen und nicht das Unterscheidungsvermgen verloren haben, wie vie- le es heute leider verloren haben, so erkennen wir eine Menge Unkraut auf dem Acker der Welt: Verlogenheit, Gemeinheit, Gottlosigkeit, Gleichgltigkeit, Ehrfurchtslosigkeit, Lieb- losigkeit, Schamlosigkeit. Es gibt viel Bses, so viel, dass sich uns immer wieder die Frage aufdrngt: Wie ist das mglich? Wir bemhen uns vielleicht in der Familie, im beruflichen Leben und in der Freizeit, den guten Samen des Gotteswortes durch Wort und Beispiel aus- zustreuen, und wundern uns, wenn die Frchte unseres Bemhens nur sprlich sind. Wir wundern uns ber das, was oft das Ergebnis unserer Aussaat ist.

Im Gleichnis erinnert uns Christus daran, dass es den gibt, der sich gern verleugnen lsst, der Gott einen unerbittlichen Kampf angesagt hat, der unermdlich damit beschftigt ist, in dieser Welt sein Reich aufzubauen und auszubauen und das Reich Gottes zu verdrngen. Sein Lebenselement ist es, niederzureien und durcheinanderzubringen. Er wirkt die Zer- strung und das Chaos. Aber er tut das mit einem sehr unschuldigen Gesicht, heimlich, verkleidet, so dass die Harmlosen ihn gar nicht erkennen.

Da der Teufel begabt ist - er ist ja ein reiner Geist - und da er nicht wenige begabte Helfer hat bei den Menschen, macht er gleich ganze Arbeit. Er versucht, da Einfluss zu gewinnen, wo die Weichen gestellt werden, etwa in der Politik oder in der Schule - der Einfluss der Lehrer auf die Kinder ist im Allgemeinen grer als der Einfluss der Eltern -, und er versucht auch, bei den Verantwortlichen in der Kirche Einfluss zu gewinnen, bei den Bischfen und Priestern, vor allem sucht er Einfluss zu gewinnen bei den Journalisten, die durch Presse, Rundfunk und Fernsehen Millionen erreichen.

Und auch das sollten wir bedenken: Der Teufel hat ein ziemlich leichtes Spiel, deshalb, weil er seine Ware billig verkauft. Hinzukommt, dass wir Menschen einen Hang zum Bsen haben, seit der Ursnde. Das Bse geht uns leichter von der Hand als das Gute.

Der 1. Petrusbrief greift diese Gedanken auf in der Mahnung: Brder, seid nchtern und wachsam, denn euer Widersacher, der Teufel geht umher wie ein brllender Lwe, su- chend, wen er verschlinge (1 Petr 5,8 f).

Wir sollen den Kampf aufnehmen gegen das Bse und gegen den Bsen, den Widersacher Gottes, und den Acker Gottes bewachen - das ist der Wille Gottes -, aber sofern wir das Wirken des Feindes Gottes nicht verhindern knnen, sollen wir Geduld haben. Die Geduld ist die Tugend der Heiligen, sie ist aber auch die Tugend derer, die Heilige werden wollen, die es werden drfen, die es werden sollen.

Im Buch der Sprche heit es einmal: Des Menschen Einsicht erkennt man an seiner Ge- duld (Spr 19,11). Es ist vor allem die Frmmigkeit, die uns die Geduld schenkt.

Es ist verstndlich, wenn wir manchmal denken, Gott mchte doch eingreifen, er mchte uns gestatten, die Scheidung vorzunehmen oder er mchte das Bse selber vernichten und dem Bsen und seinen Helfershelfern das Handwerk legen.

Aber das ist menschlich gedacht. Gottes Plne sind oft anders als die unseren. Er hat Ge- duld, und wir mssen seine Geduld nachahmen. Das wird uns um so eher gelingen, je fester wir an die Ernte Gottes glauben: Die Stunde der Abrechnung wird einmal kommen. 

Gott wird seine Getreuen sammeln von den vier Winden her, wie es in einem alten Gebet heit. Die Wahrheit von dem Erntetag Gottes ist eine fundamentale Glaubenswahrheit. Al- lein, viele haben sie schon lange verloren. Auch sie ist ein Opfer der Skularisierung gewor- den. Als ich vor einiger Zeit hinwies auf diese Wahrheit, wurde mir geantwortet: Das sehen wir heute anders. Tatschlich wird der Glaube heute auf vielfache Weise manipuliert. Viel- fach wird er heute gebrochen durch das Prisma der Plausibilitt oder gar modischer Vorlie- ben. 

Der Gedanke an den Erntetag Gottes kann uns bestrken in der Geduld, aber er muss uns auch eine heilsame Mahnung sein, dass wir uns bemhen, guter Weizen zu sein, dass wir uns nicht beeindrucken lassen vom Bsen, dass wir uns nicht mitreien lassen vom Strom des genormten Denkens, von dem, was alle tun, von der Norm des Faktischen, und dass wir unbeirrt jeden Tag unser Heil wirken. 

Wenn wir das Ziel fest im Auge behalten, werden wir die Schwierigkeiten des Weges gut meistern. Unser Weg fhrt uns in die Ewigkeit, und niemand wei, wie weit er noch davon entfernt ist, wann das Ende kommt, wann er am Ziel ist und wann wir alle am Ziel sein werden - wir unterscheiden zwischen dem individuellen Ende und dem Ende der Zeit.

Gerade wenn wir meinen, der Weg sei noch weit, so finden wir uns nicht selten jh am Ziel. Im 2. Petrusbrief heit es: Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb, und dann wird der Himmel mit reiender Geschwindigkeit vergehen, die Elemente werden sich in Glut auflsen und die Erde mit allem, was sie enthlt, verbrennen ... Einen neuen Himmel aber und eine neue Erde, darin Gerechtigkeit wohnt, erwarten wir nach seiner Verheiung (2 Petr 3,10 ff).

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Das Gleichnis vom Unkraut im Weizen erinnert uns eindringlich an die Macht des Bsen, die unseren Kampf herausfordert, es erinnert uns an unsere Geduld, die wir ben sollen, und an unsere Hoffnung, die uns stark machen will. Geduld brauchen wir, wo wir gegenber der bermacht des Bsen machtlos sind. Diese Geduld aber lebt aus der Hoffnung auf den, der den lngeren Atem hat, der mchtiger ist, mchtiger als die bermchtige Macht des Bsen, der einmal den Schlussstrich ziehen wird unter die Geschichte, der einst zur Ernte der Welt kommen wird. Es gibt das Bse. Und wir mssen ihm widerstehen, aber - in Geduld. Denn Gott wird das letzte Wort haben. Er wird einmal das Unkraut von dem Weizen scheiden. Dann kommt es darauf an, dass wir guter Weizen sind. Amen.

 

PREDIGT ZUM 15. SONNTAG IM KIRCHENJAHR, GEHALTEN AM 10. JULI 2005 
IN FREIBURG, ST. MARTIN

EIN SMANN GING AUFS FELD, UM ZU SEN ...

Der Sohn des ewigen Vaters hat in seinen Erdentagen oft in Gleichnissen geredet. Wunder- bare Gleichnisse werden uns in den Evangelien berliefert. Viele davon sind uns gelufig, so gelufig, dass sie schon gar nicht mehr in unser Inneres eindringen, dass sie unser Herz schon gar nicht mehr erreichen. 

Im Gleichnis wird eine Wahrheit durch eine Geschichte veranschaulicht oder durch eine Ab- folge von Bildern verdeutlicht. 

Im Evangelium des heutigen Sonntags geht es um ein Gleichnis aus dem landwirtschaftli- chen Alltag. 

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Ein Smann ging aufs Feld, um zu sen ... . So beginnt es. Es ist nicht schwer, das Gleichnis zu verstehen, wenn man genau hinhrt. 

Der Smann steht fr Christus. Immer wieder wird Christus in der altchristlichen Kunst als der himmlische Smann dargestellt. Auch in den alten Hymnen des Stundengebetes be- gegnet uns immer wieder der himmlische Smann, der den Samen des Wortes Gottes aus- gest hat.

Diese seine Aufgabe kommt heute den Priestern zu, vornehmlich, den Amtstrgern der Kir- che. Sie sind es, die in den Jahrhunderten das Wirken Christi fortfhren, stellvertretend fr ihn, ihn reprsentierend. 

Der Same ist das Wort Gottes. Der Ackerboden, das Erdreich, in dem es fruchtbar sein soll, das Wort Gottes, das sind die Herzen der Menschen. Und: Vierfach ist das Schicksal dieser Aussaat. Im einen Fall ist das Herz zu hart, wie ein steiniger Weg. Im anderen Fall ist es zu oberflchlich. Es fehlt das Erdreich. Die anfngliche Begeisterung verebbt bald wieder. Da ist keine Tiefe. In einem dritten Fall wird das Wort Gottes erstickt durch die vielen irdischen Wnsche und durch das Verhaftetsein an die Snde und an die sndhaften Scheinfreuden dieser Welt. In einem vierten Fall ist das Erdreich gut, das heit: Es ist aufnahmebereit fr das Wort, es ist nicht steinig und hart, es ist tief und es ist nicht vergiftet, vergiftet durch die Snde. 

Das Gleichnis vom Smann, der seinen Samen ausstreute, ist unverkennbar auch in unsere Zeit hineingesprochen, wie eigentlich alles, was uns in der gttlichen Offenbarung berlie- fert wird, es kann auch uns die Augen ffnen, und es will uns die Augen ffnen.  

Das Wort Gottes ist heute weniger fruchtbar als je zuvor. Das muss man nchtern feststellen. Ohne Zweifel liegt das auch an den Sleuten, deren Eifer nicht selten zu wnschen brig lsst. Zuweilen sind sie schwach geworden im Glauben, zuweilen sind sie enttuscht durch Misserfolge, zuweilen sind sie der Halbheit verfallen oder dem Wohlleben, zuweilen sind sie eingeschwenkt auf den Geist und die Mentalitt der Zeit, oder sie vermischen gar den guten Samen des Gotteswortes mit dem schlechten Samen des Menschenwortes, ihres Menschen- wortes, das sie dem Zeitgeist abgelauscht haben. Aber die entscheidenden Hindernisse fr die Fruchtbarkeit des Evangeliums, fr die Fruchtbarkeit der Botschaft der Kirche, liegen heute, wie eigentlich zu allen Zeiten, bei den Adressaten. 

Das Erdreich, in dem der Same des Gotteswortes fruchtbar werden soll, sind die Herzen der Menschen. Gewiss, wir erfassen das Wort Gottes zunchst mit dem Verstand, aber fruchtbar kann es erst werden, wenn wir uns im Herzen von ihm ergreifen lassen, wenn es in unseren Herzen Wurzeln schlagen kann, wenn wir es uns innerlich zu Eigen machen. Das ist zwar der zweite Schritt, aber der ist in diesem Fall gewichtiger als der erste. Es ist die Beschaffen- heit des Erdreiches, das heit: die Beschaffenheit der Herzen der Menschen, worauf es in erster Linie ankommt, wenn das Wort Gottes fruchtbar sein soll. 

Bei vielen ist das Erdreich heute steinig und hart. Viele sind heute abweisend gegenber der Verkndigung der Kirche, gegenber der Wahrheit des Christentums, aber nicht nur ihr gegenber, sondern gegenber allem und jedem. Gar nichts lassen sie an sich herankom- men. Grenzenlos ist der Anspruch ihrer Subjektivitt. Sie kennen nur sich selbst, sie sind nur mit sich selbst beschftigt. Es ist ein Faktum: Der Egoismus der Menschen nimmt heute nicht selten beinahe pathologische Zge an. Das ist verhngnisvoll. Schon vor Jahrzehnten hat man im Blick auf diesen Tatbestand von einer notwendigen Vorbekehrung der Menschen unserer Zeit gesprochen, psychologisch und philosophisch.

Anderen fehlt es an der menschlichen Tiefe. Sie sind oberflchlich. Sie leben in den Tag hinein und machen sich vor, dass das schon gengt, um glcklich zu sein. Sie haben keine hheren Interessen, sie sind abgestumpft, und sie fgen sich gnzlich ein in die moderne Spagesellschaft. Sie verfehlen dabei indessen ihr Menschsein, sofern sie im Grunde nur ihre animalischen Bedrfnisse kennen.

Wieder andere verlieren sich an das Triebleben, sie leben so, als ob sie keinen Geist, keine unsterbliche Geistseele htten, und sie vergessen, dass wir als Menschen Verantwortung tra- gen, dass wir unsere Freiheit nicht in Willkr verkehren drfen, dass wir als Menschen sitt- liche Wesen sind. Die Zahl dieser Menschen ist gro heute, und sie leben gedankenlos. Wo immer sie doch noch von ihrem Gewissen geplagt werden, absolvieren sie sich mit dem Gedanken: Was alle tun, muss doch in Ordnung sein.

Das harte Herz, die Oberflchlichkeit des Lebens und die Versklavung an die Snde, das ist es, was das Wort Gottes unfruchtbar macht in der Welt und im Leben der Menschen heute. Oft bedingt das eine das andere, ja, oft geschieht das gar in ein und derselben Person. 

Dabei kann sich niemand von solchen Tendenzen freisprechen. Fr wen ist der Zeitgeist nicht eine Versuchung? Einer Versuchung aber begegnet man nur in rechter Weise, wenn man ihr widersteht, wenn man sich von ihr abwendet, wenn man sich mit ihr gar nicht ein- lsst.

Das Gleichnis des Evangeliums ermahnt uns indirekt, dass wir uns fr das Wort Gottes berei- ten. Es geht dabei um das wahre Leben, um das unvergngliche Leben, das schon heute be- ginnt, wenn wir dem Wort Gottes fruchtbares Erdreich bieten. Im 2. Korintherbrief lesen wir Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist die Stunde des Heiles (2 Kor 6,2). Gott ist daran inter- essiert, dass sein Wort ankommt bei uns. Jesus weint einmal beim Anblick der Stadt Jeru- salem angesichts der Erfolglosigkeit seiner Verkndigung (Lk 19,41). 

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Er nennt das Gotteswort, den Samen, den er ausst, eine frohe Botschaft, ein Euangelion. Das tut er nicht nur deshalb, weil uns dieses Wort Hoffnung schenkt ber die Schwelle des Todes hinaus, begrndete Hoffnung, auch deshalb tut er das, weil es uns auch ein glck- liches Leben in dieser Welt zu bereiten vermag. Das mssen wir uns klar machen angesichts der vielfach chaotischen Verhltnisse, die unser Leben heute gefhrden und zerstren, ber- all, in allen Bereichen. Nachdem Gott als Mensch in dieser Welt gelebt hat, gibt es kein geordnetes und befriedetes, kein glckliches Leben mehr ohne diesen Gottmenschen, wenn es berhaupt je wahrhaft glckliche Menschen gegeben hat ohne ihn. Gibt es da etwas T- richteres, als sein Ohr abzuwenden von dem Wort Gottes? 

Fruchtbares Erdreich sollen wir sein, aufnahmebereit fr das Wort, das heit: nicht steinig und hart soll es sein, das Erdreich unserer Herzen, tief soll es sein und nicht vergiftet durch die Snde. Amen.

 

PREDIGT ZUM 14. SONNTAG IM KIRCHENJAHR, GEHALTEN AM 3. JULI 2005 
IN FREIBURG, ST. MARTIN

DU HAST DEN WEISEN UND KLUGEN VERBORGEN, WAS DU 
DEN UNBEDEUTENDEN OFFENBART HAST

Im Evangelium des heutigen Sonntags preist Jesus den Vater im Himmel, weil seine Bot- schaft bei den Unbedeutenden dieser Welt Gehr findet, von den Weisen und Klugen hinge- gen zurckgewiesen wird, weil er zwar von den Groen und Angesehenen verachtet, von den schlichten und einfachen Menschen jedoch anerkannt wird. Das ist die persnliche Erfahrung Jesu in jener geschichtlichen Stunde seines Wirkens, aber sie ist mehr als das, denn sie beschreibt und normiert auch das Schicksal der Kirche, die an die Stelle Jesu treten wird, die Mission und die Heilssorge der Kirche in den Jahrhunderten. Wie es ihm und seiner Verkndigung ergangen ist, so ergeht es auch seiner Kirche und ihrer Verkndigung, ja, so muss es ihr auch ergehen, wenn sie auf dem rechten Weg ist. Die Kirche hat das zu- weilen vergessen in ihrer Geschichte, wenn sie sich den Mchtigen und den Angesehenen angedient hat. Wo immer das geschehen ist, ging das auf Kosten der authentischen Bot- schaft. Denn die wollen die Weisen und Klugen und die Mchtigen dieser Welt im Allgemei- nen nicht hren.

Bei Jesus war es so, dass nur wenige von denen, die Ansehen und Einfluss hatten in der Welt, seine Botschaft annahmen. So ist es auch immer bei seinen Boten gewesen in der Ge- schichte der Kirche, mehr oder weniger, wenn sie sich nicht angepasst und eine frisierte Botschaft vorgetragen haben.   

Fr den Vlkerapostel Paulus war das eine besonders schmerzliche Erfahrung. Viele hat er gewonnen fr Christus, aber nur wenige Weise und Kluge, nur wenige Angesehene und Mchtige dieser Welt konnte er berzeugen von der Wahrheit des Evangeliums. 

Auf dem Marktplatz von Athen, dem Zentrum der Bildung in der damaligen Zeit, wo die Ge- lehrten aus aller Welt zusammenkamen, lie man ihn zwar zu Wort kommen, aber schon bald lachte man ihn aus und spottete ber ihn, und einige wenige, die etwas hflicher wa- ren, meinten, man knne sich vielleicht gelegentlich wieder einmal unterhalten (Apg (17,16-34). Paulus zog damals weiter. Er hatte sie wohl verstanden. 

Immer wieder machte er in seinem reichen Missionarsleben die Erfahrung, dass sich die An- gesehenen und Mchtigen dieser Welt von ihm abwandten, die Einfachen und Unbedeuten- den sich ihm jedoch zuwandten. Davon spricht er in seinem 1. Brief an die Korinther, wenn er erklrt, seine Botschaft sei den Juden ein rgernis und den Heiden eine Torheit, den Be- rufenen jedoch Gottes Kraft und Weisheit (1 Kor 1,23).

Die einfachen Menschen sind eher aufgeschlossen fr die Botschaft Christi als die Angese- henen und als die, die sich dafr halten, und als die Mchtigen dieser Welt. Dafr preist Jesus den Vater im Himmel, nicht dafr, dass die Weisen und Klugen ihn nicht angenommen haben, sondern dafr, dass die Einfachen ihm Glauben geschenkt haben. Froh sein kann er nicht darber, dass die Mchtigen dieser Welt ihn nicht annehmen. Denn Gott zurckzuwei- sen, das hat Konsequenzen. Dem Gebet Jesu voraus geht die Verfluchung der unbufertigen Stdte Chorozain und Bethsaida (Mt 11,21). In diesem Zusammenhang stellt Jesus fest, dass man auch die Langmut Gottes missbrauchen kann, dass das Erbarmen Gottes seine Grenzen hat, dass man auch Gottes strafende Gerechtigkeit herausfordern kann.

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Die Kleinen nehmen die Botschaft Jesu und seiner Kirche an, die Groen dieser Welt lehnen sie ab. Wer in diesem Sinn klein und wer gro ist, das kann man nicht unbedingt von auen her feststellen. Denn manchmal glauben die Groen, und die Kleinen bleiben unglubig. Worauf es hier ankommt, das ist die Demut. Demtige aber gibt es in allen Schichten der Gesellschaft. Und es gibt Arme, die verhinderte Reiche sind, und Reiche, die verhinderte Arme sind. Wer demtig ist, der berwindet die Vorurteile, und der kann hren. Der Stolz aber verblendet den Geist. Oft sind es auch andere Snden, die den Geist verblenden, aber sie alle sind letzten Endes immer die Frucht des Stolzes. Mit dem Stolz begann das Unglck der Menschheit, und mit ihm setzt es sich fort in den Jahrhunderten. Man muss freilich auch sehen, dass die Anerkennung der Welt, dass Reichtum und Wohlstand eine besondere Ver- suchung darstellen, hochmtig zu sein, nicht hinzuhren und sich der Snde hinzugeben. 

Immer wieder begegnen uns Menschen, die sagen, sie knnten nun einmal nicht glauben, sie htten so viele Zweifel. Dann mssen wir uns selbstverstndlich die Mhe machen, die Zweifel auseinanderzunehmen, sie zu zerpflcken und zu widerlegen, soweit wir dazu in der Lage sind, aber wir werden dann oft merken, dass sich hinter nicht wenigen Einwnden ein subtiler, ein feiner, Hochmut verbirgt. Und auch das werden wir dann immer wieder er- fahren, dass sich mit dem Stolz viele andere Snden verbinden. 

Gottes Offenbarung knnen wir erst dann annehmen, wenn wir unser falsches Selbstvertrau- en aufgeben, wenn wir demtig werden und wenn wir uns von der Snde abwenden und uns bemhen, gewissenhaft zu leben, wenn wir aufhren, uns selbst fr gro zu halten und wenn wir das schtzen knnen, was die Welt verachtet, das aber verachten knnen, was vor der Welt etwas gilt. 

Die Weisheit Gottes ist auch heute noch rgernis und Torheit vor der Welt, und sie muss es auch heute noch sein. Ist sie es nicht mehr, dann haben wir mglicherweise die Botschaft und den Glauben verflscht. Das kann in der guten Absicht geschehen sein, dass wir so be- sser Gehr finden bei den Menschen, aber niemals kann der Zweck die Mittel heiligen. 

Die Weisheit Gottes muss die Weisheit der Welt beschmen, sie kann sich nicht den Erwar- tungen der Menschen anpassen. Das geschieht etwa da, wo das Evangelium wie eine Beru- higungspille verkndet wird, wo uns in der Predigt nur das gesagt wird, was keinen Ansto erregt oder was auch in der Welt gesagt wird, oder wo die Botschaft vom Kreuz ausgespart wird. Man kann so vielleicht die Menschen bei der Stange halten, vielleicht, wenn, dann jedoch nur uerlich und nur eine Weile. Vor allem aber setzt man dann das Eigentliche aufs Spiel. Zum Evangelium gehrt der Mut zum rgernis und zur Torheit im Verstndnis die- ser Welt. 

Das Christentum brach einst in eine verkommene heidnische Welt ein und hat diese umge- wandelt und in dieser Welt einen neuen religisen Frhling heraufgefhrt. Das war mglich, weil es den Mut hatte, zur Scheidung der Geister aufzurufen, weil es den Mut hatte, nicht menschliche Plausibilitten zu verknden, sondern rgernis und Torheit zu sein fr die Welt. Es hatte den Mut, die ganze Botschaft Gottes zu verknden, eine Botschaft, die weder unse- rer Erkenntnis noch unserem Wollen schmeichelt. Es hatte den Mut, an die Demut des Men- schen zu appellieren und von Gottes Gre zu sprechen. Damit hat es alles gewonnen, weil es alles riskiert hat. So ist es immer: Wer alles einsetzt, der wird alles gewinnen.

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Die Erfahrung Jesu, von der das Evangelium des heutigen Sonntags berichtet, muss auch die seiner Kirche und die eines jeden von uns sein. Daran erkennen wir, dass wir auf dem rechten Weg sind. Die Menschen sind die gleichen geblieben in den Jahrhunderten. Der Stolz ist das entscheidende Hindernis fr den Glauben, weil er den Geist verblendet und weil er unser Leben vergiftet. Die Verkndigung der Kirche darf sich nicht an die Erwartung der Welt anpassen und den Menschen schmeicheln. Und wir drfen unseren Glauben nicht um seiner Akzeptanz willen reduzieren. Die Verkndigung der Kirche und unser Glaube, sie mssen vielmehr die Demut herausfordern. Gottes Botschaft muss sich vor der Welt als Tor- heit und rgernis darstellen, sie muss als eine Zumutung empfunden werden von den Men- schen, nur dann ist sie authentisch. Sie steht nicht gegen die Vernunft, wohl aber steht sie gegen den Stolz und gegen ein ungeordnetes Leben, gegen ein Leben, das den Geist ver- dunkelt. Amen. 

 

PREDIGT ZUM 13. SONNTAG IM KIRCHENJAHR, GEHALTEN AM 26. JUNI 2005 
IN FREIBURG, ST. MARTIN 

EIN NEUES LEBEN

Vielfach wird heute das Wesen des Christseins verfehlt, nicht nur in der Praxis, auch in der Theorie, nicht nur im persnlichen Glaubensleben, zuweilen gar auch in der Verkndigung der Kirche. Bei vielen besteht das Christsein, sofern sie sich berhaupt noch als Christen verstehen, in einer rein natrlichen Religiositt: Sie glauben an Gott oder sind mehr oder weniger davon berzeugt, dass es so etwas gibt wie ein hheres Wesen, sie beten hin und wieder und bemhen sich, ein anstndiges Leben zu fhren oder das, was man so ein anstndiges Leben nennt. Darin werden sie nicht selten untersttzt durch die Verkndigung der Kirche, so oberflchlich ist sie heute oftmals. Die vielen, die so leben, so flach, im Grunde sind sie noch keine Christen. Das lehren uns die zweite Lesung und das Evangelium des heutigen Sonntags

Das berzeugtsein davon, dass Gott ist, und das Gebet und die Beachtung des natrlichen Sittengesetzes bis zu einem gewissen Grad, das ist eigentlich nur die Voraussetzung fr das Christsein, im Christsein geht es um mehr, geht es entscheidend um ein neues Leben. Die- sen Gedanken unterstreichen die Lesung und das Evangelium, und auch das Tagesgebet und das Schlussgebet greifen ihn auf. Das Wesen unseres Christseins ist das neue Leben, das uns zuteil geworden ist. - Was ist damit gemeint?

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Die Lesung spricht von der Grundlegung des neuen Lebens, das Evangelium von seiner ueren Gestalt oder von den Frchten, die aus ihm hervorgehen, aus ihm hervorgehen mssen. Das neue Leben ist uns in der heiligen Taufe zum ersten Mal geschenkt worden. Die Taufe wird schon von Jesus als Wiedergeburt bezeichnet. Die Geburt schenkt uns das natrliche Leben, die Wiedergeburt schenkt uns ein neues Leben, das bernatrliche. 

Es ist ja so, dass Gott in seiner Offenbarung die Gemeinschaft sucht mit uns Menschen. Weil aber der Abstand zwischen ihm und uns so gro ist, deshalb erhebt er uns, indem er uns gttliches Leben schenkt, indem er uns Anteil gibt an seinem gttlichen Leben. Er macht uns zu seinen Kindern, er zieht uns auf seine Hhe hinauf. So macht er aus Knechten Shne und Tchter. Wir erhalten so ein Leben, das dem Leben Gottes irgendwie gleichkommt, das ihm in gewisser Weise entspricht. Die frommen Gottesgelehrten der Frhzeit der Kirche sagen, um dieses Geheimnis ein wenig zu lichten, in nchterner Trunkenheit: Gott wurde ein Mensch, um uns zu Gttern zu machen. 

Im 2. Petrusbrief wird das neue Leben als Teilhabe an der gttlichen Natur erklrt (2 Petr 1, 4). Hier, in der Sonntagslesung, wird es als Teilhabe am Leben des Auferstandenen bezeich- net. Im Katechismus wird dieses neue Leben fr gewhnlich als die heiligmachende Gnade bestimmt, als eine Gnade, die uns seinshaft erhebt. Das ist die Wirkung des Kreuzes, die Wirkung der Erlsung. Wer in der heiligmachenden Gnade lebt und stirbt, der ist gerettet. Wer aber im alten Leben verbleibt oder wer in das alte Leben zurckfllt, der ist verloren. Es sei denn, es fehlt ihm die Einsicht. 

Die Lesung sagt: Wir wurden auf Christus hin getauft, das heit: Wir wurden ihm durch die Gnade der Gotteskindschaft bereignet. Damit gehren wir nicht mehr uns selbst oder der Welt oder gar dem Bsen. Damit haben wir uns unter die Herrschaft Christi gestellt. Das be- deutet, dass wir fr ihn leben. Das bedeutet aber auch, dass wir unter seinem Schutz stehen und dass er uns fhrt. Gott schenkt uns immer mehr, als er von uns fordert.

Wir verlieren aber das neue Leben, wenn wir es nicht hten, wenn wir es nicht fruchtbar werden lassen, wenn wir so weiterleben, als gehrten wir uns selbst oder der Welt oder dem Bsen. Daran erinnert das Evangelium, das soeben verlesen wurde. Kategorisch fordert es den Verzicht auf das alte Leben mit seinem Begierden und Trumen und Wnschen, fordert es die Nachfolge des Gekreuzigten, das Leben in der Gemeinschaft mit dem Aufer- standenen: Das alte Leben sollen wir aufgeben, damit wir das neue gewinnen und fr die Ewigkeit bewahren knnen. 

Das ist so notwendig und so radikal, dass vor unserer bernatrlichen Bindung an Gott und an die Ewigkeit alle irdischen Bindungen zurcktreten mssen. Die natrlichen Beziehungen unter den Menschen sind zweitrangig angesichts des neuen Lebens der Gnade, sie sind berholt, wo immer es um unsere Berufung und um den Willen und um die Rechte Gottes geht. 

Das neue Leben muss fruchtbar werden, und zwar in letzter Radikalitt. Das meint Paulus, wenn er bekennt, dass er nach seiner Bekehrung alles fr Unrat angesehen hat, was ihm bis dahin wertvoll gewesen war (Phil 3, 7 f). 

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Christsein meint daher, durch das gttliche Leben auf die Ebene Gottes emporgehoben zu sein, in der Gnade der Gotteskindschaft zu leben und an der gttlichen Natur und am Leben des auferstandenen Christus teilzuhaben, Christus bereignet zu sein. Das aber wird uns zum Verhngnis, wenn wir nicht Frchte der Gnade bringen. Das Tagesgebet spricht von den Kindern des Lichtes, das Schlussgebet von der Verpflichtung, die daraus resultiert: Got- tes Gabe ist unsere Aufgabe. Ein Leben lang mssen wir werden, was wir sind, freilich in der Kraft der Gnade Gottes. Das ist leicht, wenn wir unverwandt nach oben schauen, wenn wir unverwandt das Ziel im Blick haben. Amen.

 

PREDIGT ZUM 12. SONNTAG IM KIRCHENJAHR, GEHALTEN AM 19. JUNI 2005 
IN FREIBURG, ST. MARTIN

DIE GOTTESFURCHT IST DER ANFANG DER WEISHEIT

Dreimal begegnet uns im Evangelium die Aufforderung, dass wir uns nicht frchten sollen vor den Menschen, dass wir stattdessen aber Gott frchten sollen. Um die Gottesfurcht sollen wir uns bemhen. Dann brauchen wir die Menschen nicht zu frchten. Das ist die Kern- aussage des Evangeliums. Anders ist jedoch unsere Wirklichkeit. Die Menschenfurcht wird gro geschrieben bei uns. Und das um so mehr, je mehr wir es verlernen, Gott zu frchten. 

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Angst und Furcht spielen ohnehin eine groe Rolle in unserem Leben. Manche sagen, das sei heute mehr denn je der Fall, der Mensch sei heute geradezu von der Angst besessen. Die Angst ist ein unbestimmtes schmerzendes Gefhl der Unsicherheit, des Gefhrdetseins, die Furcht ist zwar von hnlicher Art, aber sie ist bedingt durch eine bestimmte Gefahr. Wer sich frchtet, wei, wovor er sich frchtet, wer aber Angst hat, kann gar nicht sagen, wovor er sich ngstigt. Dabei wird jedoch die bergroe Furcht zuweilen zur Angst, zu einer unbe- stimmten Grundbefindlichkeit unseres Lebens. In der Angst wie auch in der Furcht stehen wir gleichsam vor einem Abgrund, der uns zu verschlingen droht. Im Extremfall wird die Angst zur Todesangst, wird die Furcht zur Todesfurcht. 

Wir frchten uns vor drohenden beln, vor dem Verlust der materiellen Gter, vor dem Ver- lust der Freiheit und der Selbstndigkeit und vor dem Verlust der Anerkanntseins und der Ehre. Wir frchten uns vor Krankheiten, vor Schmerzen, und vor allem vor dem Tod. Wir frchten uns vor dem Unglck, in welcher Form auch immer, und zuweilen frchten wir uns gar vor der Furcht, zuweilen haben wir gar Angst vor der Angst. Das ist noch das Schlimm- ste. Ein schlimmerer Zustand ist gar nicht vorstellbar.

Nicht nur vor ueren Gefahren frchten wir uns, wir frchten uns auch vor den Menschen, vor den Menschen, die uns zur Gefahr werden knnen. Die Menschenfurcht spielt bei vielen eine grere Rolle als die Furcht vor den sachlichen beln, heute mehr denn je. Nicht ohne Grund. Die Menschen knnen uns in der Tat Schaden zufgen in ihrer Bosheit. Sie knnen uns das Frchten lehren. Sie knnen grausam sein gegen jene, die nicht mit den Wlfen heulen, gegen jene, die ihnen den Spiegel vorhalten, gegen jene, die sie aufschrecken aus ihrer Gleichgltigkeit, die ihre Plne durchkreuzen und ihre Erwartungen zunichte machen. Daher ist es verstndlich, wenn uns die Menschenfurcht veranlasst, lieber zurckhaltend zu sein, als freimtig fr Gott und seine Rechte einzutreten. Dann ist man beliebt, und dann kann man in Frieden leben. Oft ist die Menschenfurcht der entscheidende Grund fr unsere Halbheit und fr unsere Inkonsequenz als Christen. Die Menschenfurcht veranlasst uns nicht selten, unsere tiefsten berzeugungen zu verbergen oder gar preiszugeben, sie veranlasst uns, das zu sagen, was sie alle sagen und so zu handeln wie sie alle handeln. Wir nennen das Feigheit in der Umgangssprache, die Feigheit ist eine verbreitete Untugend! Die Feigheit der Christen aber ist, das mssen wir uns wohl klar machen, die grte Chance des Teufels heute. 

Wer aber Gott frchtet, braucht die Menschen nicht zu frchten. Er braucht sich vor nichts und vor niemandem zu frchten. Die Gottesfurcht lehrt uns die Tugend der Tapferkeit, letz- ten Endes macht sie uns unverwundbar.

Es ist bezeichnend, dass mit dem Verlust des Glaubens und der Tugend der Religiositt un- sere Abhngigkeit von den Menschen immer grer wird, und die Tugend der Tapferkeit im- mer mehr verraten wird. Das drfen wir nicht vergessen: Die Tapferkeit ist eine zentrale christliche Tugend. Sie ist eine der vier Kardinaltugenden. Sie ist jedenfalls zentraler und bedeutender als die so oft beschworene Mitmenschlichkeit, in der heute viele das Wesen des Christentums erblicken wollen. Eigentlich hat die Mitmenschlichkeit keinen Platz im christlichen Tugendkatalog, denn Nchstenliebe ist etwas anderes als Mitmenschlichkeit. Das bersehen wir oft.

Menschen knnen uns Manches anhaben, das ist sicher, sie knnen uns materiell ruinieren, sie knnen uns die Ehre nehmen, sie knnen uns verleumden und uns verchtlich machen, ja, sie knnen uns tten, wenn nicht physisch, so doch geistig, aber ihr Schwert ist stumpf, wenn wir Gott frchten, wenn wir Gott mehr frchten als die Menschen. 

Die Gottesfurcht (die Furcht vor Gott) ist der Anfang der Weisheit, heit es im Buch der Psalmen (Ps 110,10). Sie ist freilich von anderer Art, die Gottesfurcht, als die Furcht vor den Menschen. Sie ist eher als Ehrfurcht zu verstehen. Die Ehrfurcht hat man bestimmt als scheue Liebe und als liebende Scheu. Das ist gemeint mit der Gottesfurcht. Sie, die Gottesfurcht, wird immer wie- der zur Liebe, muss immer wieder zur Liebe werden, zu einer Liebe freilich, die ihre Ver- gangenheit nicht vergisst. Das sagt schon das Alte Testament. 

Im Jahre 1535 starb in London Thomas Morus. Er wurde enthauptet, nachdem er ber ein Jahr im Kerker auf seinen Tod gewartet hatte. Am kommenden Mittwoch feiern wir seinen Festtag. Seit 1935 wird er in der Kirche als Heiliger verehrt. 

Thomas Morus hatte eine hohe Stellung inne, und viele kannten ihn, viele bewunderten ihn, und viele beneideten ihn. Aber die Gunst der Menschen bedeutete  ihm wenig. Er frchtete sie nicht, die Menschen, und er bemhte sich auch nicht um ihre Gunst. Wie Gott ber ihn dachte, darauf kam es ihm an. Demtig schaute er auf Gott. Die Gottesfurcht prgte sein Leben. Sie machte ihn stark.

Aber darin bestand sein Verbrechen, in seiner Gottesfurcht. Darum musste er sterben. Er frchtete Gott mehr als die Menschen. Deshalb hatte er sich geweigert, den Knig als den obersten Herrn der Kirche anzuerkennen, was alle taten, auch alle Bischfe, bis auf einen. Thomas hatte sich geweigert, den Knig als den obersten Herrn der Kirche anzuerkennen und die Trennung der englischen Dizesen von Rom, von der universalen katholischen Kir- che zu billigen. Er wollte lieber die Feindschaft der Menschen auf sich ziehen als Unrecht tun, als sich von Gott abwenden. Alle Bischfe bis auf einen waren umgefallen. Dieser Eine, John Fisher, Bischof von Rochester, hat dann das Schicksal des Thomas Morus geteilt. 

Selbst die engsten Angehrigen des Thomas Morus hatten kein Verstndnis fr ihn: Auch sie meinten, das irdische Leben sei doch das hchste aller Gter. Thomas solle doch nicht so kleinlich sein, nicht so fanatisch, nicht so stolz, nicht so besserwisserisch, so sagten sie.

Thomas war damals 58 Jahre alt. Es wird uns berliefert, dass er seine Frau, als sie ihn im Kerker besuchte, gefragt hat: Wie viele Jahre kann ich noch leben? Sie gab zur Antwort: Zwanzig Jahre, vielleicht. Und er darauf: Fr zwanzig Jahre soll ich mein ewiges Leben in Gefahr bringen?

Die Gottesfurcht prgte sein Leben, darum brauchte er die Menschen nicht zu frchten. Tho- mas Morus ist gleichsam eine Illustration zum Evangelium des heutigen Sonntags.

Wir sollten ihn anrufen, dass er uns die Gnade erbittet von Gott, dass wir ihn nachahmen, dass wir es machen, wie er es gemacht hat. 

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Es ist tricht, die Menschen zu frchten und sich um ihre Gunst zu bemhen. Wir brauchen die Menschen nicht zu frchten, wenn wir Gott frchten. Das sagt uns schon die natrliche Vernunft, das sagt uns vor allem die Logik des Glaubens. Wenn wir Gott frchten, dann kann niemand uns etwas anhaben. Gottes Gaben sind bestndiger als die Gaben der Menschen. Zudem ist der Preis, den wir fr das Wohlwollen der Menschen zahlen und fr die Freund- schaft der Welt, allzu hoch. Nur ein Tor tauscht die Freundschaft Gottes ein gegen die Freundschaft der Welt. Bei dem Propheten Jeremia heit es: Ich mache dich zu einer ehernen Mauer ... sie werden gegen dich kmpfen, aber sie werden dich nicht bezwingen (Jer 1,18). Gott ist mchtiger als die Menschen. Und das Ewige ist bedeutsamer als das Zeitliche. Das Ewige ist bleibend, das Zeitliche aber ist vergnglich. Amen.

 

PREDIGT ZUM 11. SONNTAG IM KIRCHENJAHR, GEHALTEN AM 12. JUNI 2005 
IN FREIBURG ST. MARTIN

ALS ER DIE VIELEN MENSCHEN SAH, ERBARMTE ER SICH IHRER

Die Zahl der Saisonkatholiken - so knnte man sie nennen - ist im Wachsen begriffen. Bei ihnen handelt es sich um solche Katholiken, die nur von Zeit zu Zeit noch ihren Glauben praktizieren. Sie gehen in den Gottesdienst, wenn es sich so ergibt, wenn es die Verhlt-ni- sse nahe legen oder verlangen. Und sie beten, wenn sie nicht mehr weiter wissen, wenn sie in groe Schwierigkeiten kommen. Sie bedienen sich Gottes gleichsam, wenn sie seiner bedrfen. Im letzten Buch der Heiligen Schrift, in der Geheimen Offenbarung, werden sie als lau bezeichnet, weil sie weder warm noch kalt sind. Sie werden da schrfer verurteilt als die entschiedenen Gegner Gottes und seiner Kirche. Diese Art von Katholiken, sie bilden die Mehrzahl heute. Oder ist die Zahl derer, die sich noch weiter von der Kirche entfernt haben, grer? Das knnte man fragen.

Dass Gott normalerweise keine Rolle mehr spielt im Leben der Katholiken und erst recht nicht seine Kirche, dass er nur noch eine Rolle spielt an den Wendepunkten des Lebens oder da, wo man nicht mehr weiter wei, diese Haltung und diese Praxis breiten sich heute aus wie eine ansteckende Krankheit. 

Wir mssen sehen, dass ein solch fragmentarischer Glaube der Anfang vom Ende ist. Mor- gen werden sich die Vertreter dieser Haltung bei jenen finden, deren Zahl vielleicht doch noch grer ist. Ist da nicht die Kirche in der Agonie? So knnte man fragen.

Ich denke, auf diesem Hintergrund ist das Erbarmen Jesu im Blick auf seine Jnger zu ver- stehen, das Mitleid Jesu, wovon im Evangelium des heutigen Sonntags die Rede ist. 

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Schaut Christus, der Herr, der Auferstandene, auf seine Kirche und darber hinaus auf die Menschheit heute, so wird er die Klage des Evangeliums wiederholen, so wird das Mitleid und das Erbarmen erneut ber ihn kommen, so wird sich die Szene des Evangeliums wie- derholen, immer wieder, wenn man so sprechen darf.

Er hat die Botschaft vom Vatergott verkndet, der uns, die wir von Natur aus nur seine Knechte, seine Sklaven sind, ja, weniger noch als das, gleichsam an sein Herz genommen hat. Er hat uns in der Erlsung, die uns in der Taufe zuteil geworden ist, zu Kindern Gottes ge- macht, auf dass wir nun vertraut und familir mit dem Vatergott lebten. Er hat die Ge- meinschaft der Kirche begrndet, auf dass wir in ihr diesen vertrauten Umgang mit Gott, dem Vater, durch ihn, den eingeborenen Sohn, im Heiligen Geist pflegten. 

Das ist heute die entscheidende Aufgabe der Hirten, die Gemeinschaft mit Gott den Men- schen zu verknden und zu vermitteln, sie ihnen vorzuleben und sie zu lehren, sie im Alltag zu ben und einzuben.

Lassen wir uns davon ansprechen und bemhen wir uns, das zu verwirklichen, dann erfah- ren wir es, wieso das Evangelium eine frohe, das heit: eine froh machende Botschaft ist, dann verstehen wir, warum wir sagen, dass das Reich Gottes in der Kirche prsent ist, dass der Himmel in der Kirche Christi gleichsam die Erde berhrt. 

Das zu verknden und das zu leben, dazu hat Christus einst seine Apostel ausgesandt. Wenn die Hirten das heute versumen oder wenn es heute nicht gengend Hirten gibt fr diesen hohen Dienst, so ist das ein besonderer Grund fr das Mitleid und fr das Erbarmen und fr die Klage Jesu im Evangelium.

Man hat die Gelegenheitskirche treffend als eine Gemeinschaft von orthodoxen Heiden be- zeichnet, jene Kirche, derer sich die Glubigen bedienen, wenn sie das Bedrfnis haben oder wenn es gar nicht mehr weitergeht, whrend sie im brigen im Geist des Heidentums leben.

Dieser Prozess ist bei den evangelischen Christen weiter fortgeschritten, aber gegenwrtig bemhen wir uns nicht ohne Erfolg, diesen Vorsprung einzuholen. berhaupt hat man den Eindruck, dass wir den Protestanten mit groen Schritten nachlaufen. Davor warnte vor Jahr- zehnten kein Geringerer als der alternde Karl Barth, ein bedeutender evangelischer Theo- loge, eine Gruppe von katholischen Theologie Studierenden in Basel. Er fragte damals: War- um lernen sie so wenig aus unseren Fehlern, die Katholiken, und warum bemhen sie sich so eifrig, sie uns nachzumachen? 

Die Gemeinde Christi, sie lebt in und aus der Gemeinschaft mit Gott. Sie bedarf des Gebetes des Einzelnen wie auch der Gemeinschaft und des bernatrlichen Lebens, das ihr in den Sakramenten geschenkt und in ihnen vertieft wird, in den Sakramenten der Bue und der Eucharistie. Darum geht es in erster Linie. Das Leben in der Gemeinschaft mit Gott, in der Freundschaft Gottes, aus dem Geist der Gotteskindschaft, das ist heute, im Sog des Neuhei- dentums, angesichts des ueren und inneren Abfalls vieler, geradezu eine Frage auf Leben und Tod. Sehen und leben wir das, dann werden wir auch immer gengend Hirten haben, qualifizierte Hirten, berzeugte und berzeugende Hirten. 

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Die Rettung der Welt im natrlichen und im bernatrlichen Sinn ist nur mglich, wenn die Menschen zu Gott finden und sich seine Botschaft an die Menschheit und sein Heilswirken zu Eigen machen. Es ist die Gemeinschaft mit Gott, es ist die Gnade der Gotteskindschaft, des vertrauten Umgangs mit Gott, die uns in der heiligen Taufe als Frucht der Erlsung ge- schenkt wurde, die sich darin entfaltet. Wir alle sind dazu berufen, mitzuhelfen an der Verkndigung der Botschaft von der Einladung Gottes an die Menschheit. Es gilt, dass wir als Shne und Tchter Gottes leben und Zeugnis davon ablegen. Bestrkt werden wir dazu durch die Ge- meinschaft und in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten. Bitten wir Gott, dass er uns viele Gleichgesinnte zufhre. Amen.

 

PREDIGT ZUM 10. SONNTAG IM KIRCHENJAHR, GEHALTEN AM 5. JUNI 2005 
IN FREIBURG, ST. MARTIN

ABRAHAM GLAUBTE WIDER ALLE HOFFNUNG  DAHER WURDE ER 
DER VATER VIELER VLKER

Vom Glauben ist die Rede in der Lesung. Der Glaube ist das berzeugtsein von dem, was man nicht sieht. So sagt es der Hebrerbrief (Hebr 11,1). Wenn vom Glauben die Rede ist, so denken wir gern an das, was wir glauben, an die einzelnen Wahrheiten, die wir im Glauben annehmen. Wichtiger ist jedoch der Grund, weshalb wir die einzelnen Glaubenswahrheiten annehmen, weshalb wir uns ber das belehren lassen, was wir nicht sehen. Das ist das Ver- trauen. Immer ist das Vertrauen das Fundament des Glaubens, egal ob wir einem Menschen Glauben schenken oder Gott. 

Abraham vertraute auf Gott. Deshalb glaubte er an die Verheiungen, die dieser ihm gege- ben hatte. Er verlie seine Heimat und zog in die Fremde, er war berzeugt, dass Gott seine Nachkommen zu einem groen Volk machen werde. Abraham steht an der Wiege des auser- whlten Volkes. Sein Glaube ist beispielhaft fr uns alle.

Abraham ist der Vater des alten Bundesvolkes. Der Vater des neuen Bundesvolkes ist Pe- trus. Er ist der neue Abraham. Dank seines Glaubens an den Messias wurde er der Vater vie- ler, ja, aller Vlker, er wurde der geistige Vater aller Vlker, so wie Abraham dank seines Glaubens der leibliche Vater zunchst des auserwhlten Volkes und des Messias, damit aber in einem umfassenderen Sinn, im bertragenen Sinn der leibliche Vater aller Vlker wurde.

Der Glaube des Petrus ist nicht weniger exemplarisch fr uns als der Glaube des Abraham. Immer ist es der Glaube gewesen, der die Menschen gro gemacht hat, nicht unbedingt in den Augen der Welt, immer aber in den Augen Gottes.

Dieser Glaube ist keine Tugend, wenn er kein vernnftiges Fundament hat, wenn er will- krlich ist. Wer leichtfertig glaubt, der versndigt sich. Ich muss wissen, wem ich glaube, wem ich Vertrauen schenke. Hier muss uns die Vernunft beraten. Sie ist bestndig. Das Ge- fhl ist unbestndig, und nicht selten tuscht es uns. Das Sprichwort sagt: Trau, schau wem!

Der Vlkerapostel Paulus sagt am Ende seines Lebens, bevor er seinen Glauben mit dem Le- ben bezeugt: Ich wei, wem ich geglaubt habe (2 Tim 1, 12). 

Es ist falsch zu meinen, je mehr man glaube, umso besser sei es. Wer zu viel glaubt, ist aberglubisch. Der Weg vom Glauben zum Aberglauben ist nicht weit. Auch das rechte Ma des Glaubens muss die Vernunft bestimmen. Der vernnftige Glaube aber muss fruchtbar werden in unserem Leben. Dann bringt er uns das Heil, nur dann.

Abraham folgte dem Ruf Gottes. Und Petrus folgte dem Ruf des Meisters. Dieser erhielt in der Urgemeinde denselben Namen, den der Gott des Alten Testamentes schon sehr frh erhalten hatte in der Geschichte des Heiles, wenn man ihn einfach den Herrn nannte, den Kyrios.

Gott prfte den Glauben des Abraham, als er den einzigen Sohn von ihm forderte. Er sollte ihn Gott als Opfer darbringen. Auch den Glauben des Petrus hat Gott geprft, mehr als ein- mal.

Wie Abraham seine Heimat verlie und in ein unbekanntes Land, in das Land der Verhei- ung zog, so verlie Petrus seine Heimat nach der Auferstehung des Herrn und zog in eine unbekannte Welt, um den Glauben an den auferstandenen Herrn und an sein Wort zu ver- knden und ihn im fernen Rom mit dem Mrtyrertod zu besiegeln.

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Der Glaube an das, was uns Gott offenbart hat, geht hervor aus dem Vertrauen zu ihm. Wenn ich einem Menschen vertraue, so setze ich meine Hoffnung auf ihn. Ich lasse mich dann durch ihn fhren, auch wenn ich die Wege nicht kenne und nicht verstehe, auf denen er mich fhrt. Ich vertraue ihm, weil ich wei, dass er meines Vertrauens wrdig ist, dass er mich nicht enttuscht. Aus seinem Verhalten wurde mir klar, dass er es ehrlich meint, dass er mein Vertrauen nicht missbraucht. Wrden wir Gott unmittelbar begegnen, so wre das Vertrauen zu ihm keine Frage. Denn er kann uns nicht enttuschen, weil er das hchste Gut ist, weil er Gott ist. Menschen knnen uns tuschen, weil sie sich verstellen und uns infol- gedessen enttuschen knnen, Gott aber kann uns nicht tuschen und infolgedessen auch nicht enttuschen. 

Aber Gott begegnet uns nicht, wie Menschen uns begegnen. Niemand hat Gott je gesehen. Er wohnt in unzugnglichem Licht. Kein Mensch vermag ihn zu schauen in diesem Leben und in dieser Welt (1 Tim 6,16). Gott begegnet uns immer nur mittelbar, in seinem Wort und durch seine Kirche. Darum ist dem Vertrauen zu Gott das Vertrauen zu seiner Kirche und zu seinem Wort vorgelagert, das Vertrauen zu Menschen und zu innerweltlichen Ereignissen und Vorgngen und Gegebenheiten, sofern in ihnen der ewige und unbegreifliche Gott transparent wird als der Gott der Offenbarung.

An der Kirche und an der Offenbarung, die sie verkndet, mssen wir die Zeichen Gottes er- kennen, damit wir vernnftigerweise glauben knnen. Und wir erkennen sie etwa in der Be- stndigkeit der Lehre der Kirche und in der groen Zahl ihrer Heiligen, so sehr das Zeugnis der Kirche auch immer wieder verdunkelt ist in ihrer Geschichte. Die groe Zahl der Hei- ligen gehrt indessen nicht nur der Geschichte an. Auch heute hat es in der Kirche viele treue Zeugen Gottes. Wir mssen freilich einen Blick fr sie haben.

Es gibt keine grere Macht in dieser Welt als das Gottvertrauen. Das rechte Vertrauen auf Gott macht uns unberwindlich. Jesus spricht vom Glauben, der Berge versetzt. 

Petrus setzte einst im Vertrauen auf den Messias seinen Fu auf das Wasser und es trug ihn, allerdings nur so lange, wie sein Vertrauen stark war (Mt 14, 24 ff). Er begann zu sinken, als sein Blick sich von dem Messias abwandte, als er auf sich selbst schaute und an die Stelle des Gottvertrauens das Selbstvertrauen trat. Wer auf Gott vertraut, muss unverwandt auf ihn schauen, auf Gott, den Vater, und auf den Sohn Gottes. Dann wird er ber sich selbst hinaus- wachsen. 

Abraham wird ein Gerechter genannt in der Lesung, weil er Gott Vertrauen geschenkt hat mit allen Konsequenzen fr sein Leben. Der Gerechte ist der Heilige in diesem Verstndnis. Die Heiligen aller Jahrhunderte aber sind Heilige geworden durch ihr Vertrauen zu Gott. Und in diesem Vertrauen zu Gott waren sie auch Meister des Lebens. 

Wir mssen heute von einer Krise des Vertrauens sprechen. Sie ist die Folge davon, dass allzu viele Menschen ihr Vertrauen auf Menschen gesetzt haben und nicht auf Gott, dass allzu viele da Vertrauen geschenkt haben, wo es nicht gerechtfertigt war. Das missbrauchte Vertrauen fgt der Seele nicht selten schmerzliche Wunden zu. Sie knnen jedoch geheilt werden, diese Wunden, durch die vertrauensvolle Hinwendung zu Gott. Die aber knnen wir am besten lernen durch die Begegnung mit Menschen, die wie Abraham und Petrus, die wie all die groen Heiligengestalten in der Geschichte der Kirche das Gottvertrauen beispielhaft gelebt haben. Und wir alle sollen, wenn wir im Gottvertrauen gro geworden sind, Lehr- meister des Gottvertrauens werden fr die anderen.

Lebendig bleiben kann unser Vertrauen auf Gott aber nur durch die gewissenhafte Pflege der tglichen Gebete und durch die treue Erfllung der Gebote Gottes.

*

Zuweilen strapaziert Gott unser Gottvertrauen, zuweilen macht er es uns schwer, auf ihn zu bauen und unsere ganze Hoffnung auf ihn zu setzen. Denn oft verstehen wir ihn nicht mehr, und oft mutet er uns mehr zu, als wir meinen tragen zu knnen. Dann umgibt uns groe Dunkelheit. Dafr steht der Dulder Hiob im Alten Testament. Nichts macht unser Leben indessen reicher als das Leid, das wir im rechten Geist, im Vertrauen auf Gott auf uns nehmen. Das gilt in ganz besonderer Weise fr die Dunkelheit der Gottesferne, wenn wir sie durchtragen. Wir werden unverwundbar, wenn unser Gottvertrauen gengend stark ist.

Vorbilder des Gottvertrauens sind fr uns Abraham und Petrus und die Heiligen aller Jahr- hunderte. Und wir selber sollen es werden, Vorbilder des Gottvertrauens. Das Gottvertrauen, das genhrt wird durch das gewissenhafte Gebet und durch die treue Pflichterfllung, es ist der Weg zur Vollendung fr uns. Es ist nicht ein Weg, sondern der Weg, der einzige. Amen.

 

PREDIGT ZUM 9. SONNTAG IM KIRCHENJAHR, GEHALTEN AM 29. MAI 2005 
IN FREIBURG, ST. MARTIN

 NICHT JEDER, DER HERR, HERR SAGT, WIRD IN DAS REICH GOTTES GELANGEN

Das Evangelium des heutigen Sonntags ist der Schluss der Bergpredigt, wie sie uns im Matthus-Evangelium berliefert wird. Die Bergpredigt, eine programmatische Rede Jesu, hat man als das Evangelium im Evangelium bezeichnet. Der Schluss dieser Rede, in dem noch einmal das Wesentliche zusammengefasst wird, das in der Rede ausgesagt wird, be- steht aus zwei Teilen, aus dem Spruch ber diejenigen, die ber Gott sprechen, vielleicht auch gar mit ihm sprechen, jedoch seinen Willen nicht erfllen, und aus dem Gleichnis vom Hausbau eines klugen und eines trichten Bauherrn. Denen, die Herr, Herr sagen, werden die gegenbergestellt, die darber hinaus den Willen Gottes erfllen, und dem besonnenen Bauherrn, der sein Haus auf Felsengrund baute, wird der gegenbergestellt, der sein Haus auf Sand gebaut hatte. In beiden Fllen geht es um unsere Entscheidung fr Christus und sein Wort und um unsere Entscheidung fr seine Kirche - so drfen wir ergnzend hinzu- fgen - und um die Konsequenz, die wir damit verbinden, in der wir dazu stehen. Dadurch wird der Grundgedanke der Bergpredigt, des Evangeliums im Evangelium, unterstrichen: In der Bergpredigt wird uns das Heil versprochen unter der Voraussetzung, dass wir glauben und dementsprechend handeln, dass wir hren und gem dem leben, was wir hrend empfangen. 

Die Bergpredigt verheit uns das ewige Heil nicht als eine Selbstverstndlichkeit - so ent- spricht es eher dem Tenor unserer Zeit, vielleicht auch zuweilen dem Tenor der heutigen Verkndigung in der Kirche, die damit das Christentum jedoch in gravierender Weise ver- flscht - die Bergpredigt verheit uns das ewige Heil nicht als eine Selbstverstndlichkeit, sondern als die Frucht unseres demtigen Bemhens und unseres ehrlichen Ringens um die Erfllung des Willens Gottes. Sie appelliert an unsere Demut, an unsere Ehrlichkeit und an unsere Opferbereitschaft und fordert uns auf, vorbehaltlos in den Dienst Gottes zu treten. Sie wendet sich gegen unsere Trgheit und vor allem gegen unsere Halbherzigkeit, die im Grunde immer Unehrlichkeit ist, Unehrlichkeit vor uns selbst, vor den Menschen und vor Gott. Es ist die Inkonsequenz, die mangelnde Konsequenz, die uns schuldig macht, nicht nur vor Gott, sondern auch vor uns selbst und vor den Menschen.

*

Das Evangelium ermahnt uns, dass wir hren und handeln, damit wir einmal vor Gott beste- hen knnen. Wenn wir hren und handeln, dann sind wir gehorsam. Gehorsam sein bedeutet hren und entsprechend handeln. Der Gehorsam ist die entscheidende Haltung, in der wir vor Gott zu stehen haben, er ist die Grundhaltung des Christen, denn ohne ihn gibt es keinen Glauben. Schon der Glaube hat als solcher die Tugend des Gehorsams zur Vor- aussetzung, viel mehr noch hat jedoch die Bereitschaft, den Glauben zu unserem Lebens- programm zu machen, unabhngig von unseren Erwartungen, Hoffnungen und Wnschen, diese Tugend zur Voraussetzung. Was dem Gehorsam vorausgeht, dem Hren und Handeln, das ist die Demut. Ihr widerstrebt unsere Tendenz, zu reden und uns selbst Gesetz zu sein, was in der Regel bedeutet, dass wir uns den Gesetzen des Zeitgeistes unterwerfen, dass wir so reden, wie sie alle reden, und dass wir so leben, wie sie es alle tun. Damit stellen wir uns indessen gegen die Wrde, die Gott uns gegeben hat, und verfehlen unsere Berufung, zu der Gott uns berufen hat. 

Wir alle unterliegen der Versuchung, immer wieder aufs Neue, dass wir reden und nicht h- ren, dass wir gleichsam um uns selber kreisen, nicht um Gott, auch dann, wenn wir uns grundstzlich fr Gott entschieden haben, dass wir viele Worte machen vor Gott und vor den Menschen, die jedoch leer sind, dass wir groe Reden im Munde fhren, die sich als hohl erweisen, wenn wir genauer hinschauen. Demgegenber verlangt Christus von uns in der Bergpredigt, dass wir weniger reden als hren, dass wir hren und handeln, wo immer Gott uns begegnet in seinem Wort. 

Auf den Gehorsam kommt es an, auf den Gehorsam gegenber Gott und gegenber dem, den dieser gesandt hat. Das ist das Fazit der Bergpredigt.

Es gibt keinen Glauben ohne den Gehorsam. Der Glaube ist nichts anderes als vernnftiger Gehorsam. In ihm unterwerfen wir uns dem Wort Gottes und seiner Weisung. Den Gehor- sam gegenber Gott ben wir ein im Gehorsam gegenber den Menschen, im freien Gehor- sam gegenber Menschen, deren Autoritt wir bejahen. Immer grndet die echte Autoritt in der Autoritt Gottes.

Ohne die Demut gibt es keinen Gehorsam. Immer geht der Gehorsam aus der Demut hervor, auch und vor allem der Glaubensgehorsam. Deshalb ist es der Stolz, ist es der Hochmut, der sich immer wieder gegen den Gehorsam stellt, der im brigen der Kern einer jeden Snde ist.

Der Gehorsam ist als Tugend, sei es, dass er sich auf Gott richtet oder auf jene, die Gott fr uns in irgendeiner Weise vertreten, nicht knechtischer Gehorsam oder uere Dressur. Das sind Fehlformen des Gehorsams, der knechtische Gehorsam und die uere Dressur, Fehl- formen, die des Menschen unwrdig sind und erst recht eines Christen. Ihnen gegenber steht der freie Gehorsam. Er geht aus der Liebe hervor, ihn gibt es nur da, wo die Liebe herrscht. Und die Liebe hat stets die Demut zur Voraussetzung, nicht anders als der Gehor- sam, die Demut, verstanden als ehrliche Bejahung der Wirklichkeit, als ehrliche Bejahung der Wirklichkeit unserer Existenz. Wie es keinen Gehorsam gibt ohne die Demut, keinen rechten Gehorsam, so gibt es auch keine Liebe ohne sie, keine wahre Liebe.

Der heilige Bruder Klaus von Fle, er starb als Einsiedler im Jahre 1487, wurde einmal ge- fragt von einem Bischof, der ihn besuchte in seiner Klause: Welche ist die hchste der Tu- genden? Seine Antwort lautete: Der Gehorsam.

Der Gehorsam gegenber Gott - wir knnen auch sagen: Der Gehorsam gegenber unserem Gewissen, denn unser Gewissen ist das Echo der Stimme Gottes -, der Gehorsam gegenber Gott ist die Wurzel aller Tugenden, wie der Stolz und der Hochmut die Wurzel aller Laster sind. Aus dem Gehorsam gehen der Glaube hervor und das glubige Handeln. Dieser Gehor- sam aber ist der Weg zum Heil, der einzige. 

Darum kommt es in unserem Leben nicht auf groe Taten an, sondern auf das Hren auf Gott und sein Wort und auf die Verwirklichung der Weisungen, die uns darin vermittelt wer- den, schlicht und unauffllig und selbstverstndlich. 

Auf das Hren und auf das Tun kommt es an. Das wird unterstrichen durch das Gleichnis, mit dem die Bergpredigt zu Ende geht. Wenn wir das Haus unseres Lebens nicht auf dem Wort Gottes aufbauen, dem wir uns gehorsam unterwerfen, bauen wir es auf Sand. Wir gleichen dann dem trichten Mann, der sein Haus nicht auf einem festen Fundament errichtete. Dann aber wird das Haus zusammenbrechen eines Tages, in den Strmen des Lebens. Wie oft brechen die Huser der Menschen heute zusammen! In wachsender Zahl stehen die Men- schen heute, je lter sie werden, umso mehr, vor den Trmmern ihrer Gebude, die sie in ihrem Stolz ohne Gott errichtet haben. Das Haus des Lebens auf den Worten der Bergpredigt errichten, dass ist die wahre Klugheit. Sie leitet uns dann, wenn wir das Evangelium und das Wort der Kirche als Gotteswort hren und danach handeln. 

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Im Evangelium des heutigen Sonntags geht es um die Entscheidung fr Christus, fr sein Wort und fr seine Kirche, und um die Konsequenz, die wir damit verbinden, in der wir dazu stehen. Die Bergpredigt verspricht uns das Heil, wenn wir glauben und dementsprechend handeln. Wenn wir hren und handeln, dann sind wir gehorsam. Der Gehorsam ist die entscheidende Haltung, in der wir vor Gott stehen mssen. Letztlich geht er hervor aus der Liebe, zusammen mit der Demut, und im Grunde gibt es ihn nur da, wo die Liebe herrscht. Auf den Gehorsam kommt es an in unserem Leben, auf den konsequenten Gehorsam, den wir Gott entgegenbringen. Er bringt uns das Heil, das ewige Heil, aber mit dem ewigen auch das zeitliche. Das Eine bedingt das Andere. Amen.

 

PREDIGT ZUM HOCHHEILIGEN FRONLEICHNAMSFEST, GEHALTEN AM 26. MAI 2005 
IN FREIBURG, ST. MARTIN

BEDENKET, WAS IHR TUT

Es ist das Geheimnis des Messopfers, das wir am heutigen Tage festlich begehen. Wir feiern es heute nicht nur, das Messopfer, wir erinnern uns auch daran und rufen es uns ins Ge- dchtnis, welche Bedeutung es fr die Welt und fr unser Leben hat. Wenn die heilige Messe vorber ist, so dauert sie gewissermaen fort, denn in der heiligen Gestalt, in der Christus uns zur Speise wird, nimmt er Wohnung im Tabernakel, in den Tabernakeln unserer Kirchen, und wird er heute in einem feierlichen Triumphzug durch die Straen getragen, durch alle Straen der Welt, wo immer dieses Geheimnis glubig bekannt wird. 

*

Das Wort Messe, das man heute auch in verschiedenen Bedeutungen im profanen Be- reich verwendet, kommt aus dem Lateinischen, es kommt von dem lateinischen Wort mi- ssa, das Wort missa aber bedeutet Sendung, Entlassung. Frher hie es am Ende der heiligen Messe Ite, missa est, das heit: Geht, die Feier ist vorber, nun knnt ihr heim- gehen, ihr seid entlassen. Von diesem Entlassungsruf hat die ganze Feier ihren Namen erhalten. Dieser Name sagt nichts aus ber das, was da geschieht, in dieser Feier. Er ver- hllt das Geheimnis gleichsam nach auen hin. Das war auch notwendig in Zeiten der Ver- folgung. Fr die Eingeweihten, fr die insider wrde man heute sagen, hatte man schon in alter Zeit andere Namen, die mehr aussagten ber das, was da geschieht. Man sprach vom Brotbrechen, vom Abendmahl, von der Opferfeier, von der Kommunion und vor allem von der eucharistia.

Das Wort eucharistia bezeichnet die Danksagung. Tatschlich ist sie der eigentliche Kern der Feier. Sie findet ihren Ausdruck in dem groen Dankgebet, das mit der Aufforderung be- ginnt Lasset uns danken dem Herrn, unserem Gott und der Prfation, das endet mit der groen Doxologie. So nannte man die feierliche Gebetsformel am Ende des groen Dank- gebetes: Durch ihn und mit ihm und in ihm ist dir, Gott, allmchtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes alle Herrlichkeit und Ehre .

Das Danken ist in der Tat der Kerngedanke, das Kernstck der heiligen Messe. Wir danken Gott fr alles in dieser Feier, fr unser Leben, fr die Nahrung, fr die Gesundheit, fr die Freude, fr alle Gaben, die wir von ihm empfangen - und was gehrt nicht dazu? Staunend stellt schon der Jakobusbrief fest: Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk steigt herab vom Vater der Lichter (Jak 1, 17). Aber das ist nur der Anfang, der Dank fr die natr- lichen Gaben, die wir zum Leben notwendig haben. Mehr noch danken wir  in der euchari- stischen Feier fr die bernatrlichen Gaben: Fr die Erlsung und fr die Berufung zum ewigen Leben, wir danken fr das Kreuz und fr den Erlsertod des Gottessohnes. 

Immer ist es so, dass das Danken auch eine Erinnerung in sich schliet. Immer, wenn wir danken, erinnern wie uns an das, wofr wir danken, wie wir es erlebt haben. Wir stellen uns dabei vor, was einst geschehen ist. Wir erzhlen, wie es damals war, wir zeigen vielleicht auch Bilder von dem vergangenen Geschehen oder spielen es gar szenisch. Aber es bleibt Vergangenheit.

Das ist anders bei der heiligen Messe. Hier ist es so, dass das Vergangene gleichsam wieder Gegenwart wird, hier ist es so, dass die Danksagung, die Gedchtnis ist, den Inhalt des Gedchtnisses gegenwrtig macht. Das heit: Die memoria, das Gedchtnis, des Todes und der Auferstehung des Erlsers wird hier zur aktuellen Realitt. Das kann kein Mensch bewirken. Gott aber kann es. Und der Glaube wei, dass er es tut.

Deshalb sagen wir: In der heiligen Messe wird das Kreuzesopfer gegenwrtig gesetzt. Der Gekreuzigte und Auferstandene, er tritt in unsere Mitte in dieser Feier. Damit wird aber auch der Segen des Kreuzesopfers gegenwrtig.

Deswegen schtzen wir diese Feier so sehr, sollten wir sie so sehr schtzen, sollten wir ihr mit Ehrfurcht begegnen und sie so oft mitfeiern, wie es mglich ist, wenn es mglich ist, tg- lich. 

Es ist das wichtigste Ereignis der Geschichte der Menschheit, das hier immer neu Gegenwart wird.    

Hier wird nicht nur die Feier der Gegenwart des Gekreuzigten und des Auferstandenen be- gangen, hier wird nicht nur das Kreuzesopfer vergegenwrtigt, in dieser Feier empfangen wir jene unbegreiflich kostbare Gabe, die als Frucht des Opfers in allen Tabernakeln der Welt als der gegenwrtige Christus angebetet wird, jene Gabe, die uns die Unsterblichkeit und die Hoffnung auf das ewige Leben schenkt, wenn wir sie im rechten Geist und in der rechten inneren Verfassung empfangen. Aber nicht nur das. Nicht selten schenkt sie uns auch die krperliche Gesundheit, vorausgesetzt, dass wir sie in der rechten Gesinnung empfangen. Das ist eine alte berzeugung der Christenheit, die uns in die Anfnge der Kir- che zurckfhrt. Die eucharistische Speise als pharmakon, als remedium, als Heilmittel fr das ewige und fr das zeitliche Leben!

Die Geschichte belehrt uns, dass die Heiligen oft ber Jahre hin nur von der eucharistischen Speise gelebt haben. In Lourdes erfolgen die meisten Krankenheilungen bei der eucharisti- schen Prozession. Diese Speise heilt oft auch unsere krperlichen Gebrechen. Aber auf die rechte Gesinnung kommt es hier an. 

Dazu gehrt, dass wir in rechter Absicht hinzutreten und diese Gabe empfangen und dass wir dabei von einem lebendigen Glauben und von einer starken Liebe getragen werden. Der Glaube und die Liebe werden gestrkt durch diese Speise Gottes, gewiss, aber sie m- ssen auch vorhanden sein. Auf den Glauben kommt es vor allem an. Jesus spricht von dem bergeversetzenden Glauben. Das vergessen wir oft. 

Zur rechten Gesinnung gehrt auch das vorgeschriebene Fasten, frher von Mitternacht an, heute ist es reduziert auf eine Stunde. Aber wir mssen nicht alles tun, was wir drfen. Wer es kann, sollte das eucharistische Fasten ausdehnen ber eine Stunde hinaus. Aber die eine Stunde sollte wenigstens bewusst eingehalten werden.

Zu der rechten Gesinnung muss die rechte Verfassung hinzukommen. Zu ihr gehrt, dass das Gnadenleben in uns lebendig ist, dass wir frei sind von schwerer Schuld. Das eucharistische Sakrament ist ein Sakrament der Lebenden, das heit: Der Gnadenstand ist als Disposition eine notwendige Voraussetzung fr den Empfang des Sakramentes. Darber hinaus sollte das Sakrament immer irgendwie im Zusammenhang stehen mit dem Busakrament. Wer nicht mehr beichtet, sollte auch auf das eucharistische Sakrament verzichten,

Zur rechten Verfassung gehrt sodann die Ehrfurcht in der Haltung und im Verhalten und dass wir Respekt haben vor dem Willen Gottes, dass wir ihn in allem erfllen, dass wir uns nach Krften darum bemhen.

Die kostbarsten Augenblicke sind jene unmittelbar nach dem Empfang dieser heiligen Spei- se. Da sollten wir uns ganz auf den konzentrieren, durch den die Welten geschaffen wurden und der uns erlst hat durch sein Kreuz, der uns nun so unsagbar nahe ist. 

Der Kirchenlehrer Justinus schreibt am Ende des 2. Jahrhunderts: Niemand darf daran (an diesem Mahl) teilnehmen als der, der unsere Lehren fr wahr hlt, als der, der das Bad der Vergebung der Snden zur Wiedergeburt empfangen hat und nach den Weisungen Christi lebt (Justinus, Apologia I, c. 66, 1-2). Das msste heute deutlicher gesagt werden.

*

Bedenket, was ihr tut! Das ist die Voraussetzung dafr, dass die eucharistische Speise fruchtbar wird in uns, dass sie uns nhrt in unserem leiblichen wie in unserem geistlichen, in unserem inneren Leben. Augustinus (+ 430), einer der groen Geister der Kirche, meint, das sei am besten gewhrleistet, wenn wir die Speise vorher, bevor wir sie empfangen, anbe- ten. Amen. 

 

PREDIGT ZUM DREIFALTIGKEITSFEST, GEHALTEN AM 22. MAI 2005 
IN FREIBURG, ST. MARTIN

TAUFET ALLE IM NAMEN DES VATERS UND DES SOHNES 
UND DES HEILIGEN GEISTES

In einer knstlerischen Darstellung der Verkndigungsszene hat der Erzengel Gabriel einen Lilienstab in der Hand, der drei Blten trgt. Die eine der Blten ist weit geffnet, sie sym- bolisiert den Vater Gott, die zweite ffnet sich soeben, sie symbolisiert den Sohn des ewi- gen Vaters, die dritte ist noch verschlossen, sie weist hin auf den Heiligen Geist, der erst ver- heien wird durch den menschgewordenen Gottessohn. Die Darstellung ist instruktiv im Hin- blick auf das Geheimnis der allerheiligsten Dreifaltigkeit. Schrittweise ist es uns im Neuen Testament offenbart worden. Es handelt sich bei diesem Geheimnis - es steht in einem en- gen Zusammenhang mit der Menschwerdung Gottes - um den tiefsten Urgrund unseres Chri- stenglaubens, um eine Wirklichkeit, die alle anderen Glaubenswirklichkeiten umfasst, um die Klammer, die sie gleichsam zusammenhlt. Der heilige Thomas von Aquin hat diese zwei Glaubenwirklichkeiten, das Geheimnis des dreifaltigen Gottes und das Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes des ewigen Vaters, bereits vor 700 Jahren als die dichteste Um- schreibung des Christentums bezeichnet, als das krzeste Glaubensbekenntnis.

Das Geheimnis des dreifaltigen Gottes entfaltet sich in der Geschichte des Heiles: Gott sen- det seinen Sohn in der Flle der Zeit, der eine menschliche Natur annimmt, und der Sohn sendet den Heiligen Geist, der seit der Auferstehung Jesu in der Kirche das Heil der Men- schen wirkt.

Jesus spricht immer wieder von seinem Vater im Himmel und bezeichnet sich selbst als de- ssen Sohn. Er erklrt, dass er vom Vater ausgegangen ist und zu ihm zurckkehren wird. Er steht in einer auergewhnlichen Nhe zu diesem Gott, den er seinen Vater nennt, den auch wir gem seinem Wort Vater nennen drfen, jedoch in einer ganz anderen Weise. So fern dieser Jesus letzten Endes den Menschen steht, so nahe steht er dem, von dem er aus- gegangen ist. Der Vater ist das Geheimnis seiner letzten Einsamkeit. Daher spricht er stets von seinem Vater und unserem Vater, und daher tritt er niemals zusammen mit den Jngern vor Gott hin, betet er niemals zusammen mit ihnen, wie das andere Religionsstifter getan haben.

Er spricht nicht nur von seinem Vater, er spricht auch mit ihm. Er spricht auch mit seinem Va- ter, und das nicht gerade selten. Darum kann man nicht sagen, er sei mit ihm identisch, wie manche gemeint haben. Miteinander sprechen knnen ja nur zwei verschiedene Personen.

Der Messias spricht nicht aber nur von seinem Vater wie von einer von ihm verschiedenen Person, er spricht auch von dem Heiligen Geist wie von einer von ihm verschiedenen Person. Der Heilige Geist ist nicht der Vater, er ist aber auch nicht identisch mit dem Sohn, und er ist auch nicht nur ein Engel, erst recht ist er nicht einfach nur eine unpersnliche Kraft, wie man immer wieder gesagt hat, er ist vielmehr Gott wie der Vater und wie der Sohn, er ist die dritte Person in Gott. Dieser Geist soll nach der Heimkehr Jesu zum Vater den Jngern beistehen, ihnen helfen, sie trsten und ihnen das Geheimnis des Vaters und des Sohnes und sein eigenes Geheimnis immer mehr erschlieen.

Es hat Jahrhunderte gedauert, bis die Kirche diesen Glauben, den sie immer, von Anfang an, hatte, begrifflich klar formulieren konnte. Zuerst mussten Irrlehrer kommen, die Arianer und die Pneumatomachen, bis man den Glauben an das Geheimnis des dreifaltigen Gottes ein fr allemal in eine gltige sprachliche Form bringen konnte. Das geschah auf dem Kon- zil von Niza im Jahre 325 und auf dem ersten Konzil von Konstantinopel im Jahre 381. In Niza ging es um die Gottheit Jesu, in Konstantinopel um die Gottheit des Heiligen Geistes. Die Frucht dieser beiden groen Konzilien ist das groe Glaubensbekenntnis, dass noch heute seinen Platz hat in der Heiligen Messe.

*

Gott existiert in drei Personen, dennoch ist er ein einziger Gott. Das heit: Wir glauben nicht an drei Gtter, sondern an den einen Gott. Die drei Personen sind aber auch nicht nur Of- fenbarungsweisen oder Erscheinungsweisen des einen Gottes. Wre es so, dann wrde die Dreiheit gleichsam nur bildlich verstanden. Sie ist indessen real. Gott ist nicht Person, wie wir Menschen Personen sind, er existiert nicht als eine Person, er existiert vielmehr in drei Personen. Das knnen wir auch so ausdrcken: Gott, der nach auen hin ein Wesen hat, nach innen hin ist er in Personen. Daher knnen wir zum Vater beten, zum Sohn und zum Heiligen Geist. Und wir mssen uns entscheiden in unserem Beten, was wir wollen. Nur Per- sonen knnen angesprochen werden.

Das Geheimnis der allerheiligsten Dreifaltigkeit sagt uns, dass Gott nicht ein einsamer Gott ist, dass er Gemeinschaft ist, aber Gemeinschaft von ganz eigener Art.

Die ewige Glckseligkeit Gottes lebt aus dem unsagbaren Glck der Erkenntnis und der Lie- be. Die Erkenntnis ist dabei dem Sohn, die Liebe dem Heiligen Geist zugeordnet.

Wenn wir so ber Gott sprechen, berhren wir mit unserem Denken die unauslotbaren Tie- fen des Wesens Gottes. Je mehr wir uns in dieses Geheimnis vertiefen, umso abgrndiger wird es uns vorkommen. Aber es ist gut, wenn wir uns die Gre Gottes oft vergegenwr- tigen, in unserem Denken, in unserem Beten, in unserem Handeln. Im Geheimnis des dreifaltigen Gottes haben wir eine Gottesvorstellung, die sich kein menschlicher Verstand htte ausdenken knnen. Dazu musste Gott selber als Mensch zu uns kommen. Das Geheim- nis des einen Gottes, der in drei Personen existiert, trgt nicht die Handschrift des mensch- lichen Geistes. Daher sollten wir uns hten, das Geheimnis zu verwssern oder es gar zu verraten in Angleichung an unser Verstehen. Das geschieht heute nicht selten bei den Theologen. Sie nennen das dann eine Neuinterpretation, faktisch erklren sie dabei jedoch den Glauben auf dem Fundament des Vorurteils eines naturalistischen Rationalismus. Fr den naturalistischen Rationalismus aber gibt es keinen Gott. Viele leugnen die Existenz Got- tes heute aber auch deshalb, weil sie eine primitive und menschliche Vorstellung von ihm haben. Vergegenwrtigen wir uns oft die unbegreifliche Gre Gottes und tun wir das in Be- scheidenheit gegenber der gttlichen Offenbarung! Dann werden wir dem ewigen Gott auch in der gebotenen Weise begegnen und seinem Geheimnis gerecht werden, wenigstens anfanghaft.

Dazu gehrt auch, dass wir dem dreifaltigen Gott in Ehrfurcht begegnen, dass wir ihn an- beten und dass wir verantwortungsbewusst leben vor seinem Angesicht. 

Ehrfurcht ben wir ihm gegenber, wenn wir uns immerfort den unendlichen Abstand zwi- schen seiner Gre und unserer Kleinheit vor Augen halten. Oft kommt es vor, dass wir den Menschen mehr Ehre entgegenbringen als dem dreifaltigen Gott. Das ist tricht, aber auch sndhaft. 

Ausdruck unserer Ehrfurcht ist das Knien. Mose warf sich einst zu Boden und verhllte sein Antlitz, als Gott ihm im brennenden Dornbusch begegnete. Wir bekunden unsere Ehrfurcht vor dem groen Gott aber auch durch das Schweigen im Gotteshaus. Ausdruck unserer Ehr- furcht ist es endlich, wenn wir uns bemhen, immer das Geheimnis des unbegreiflichen Got- tes vor Augen zu haben, nicht an ihm vorbeizuleben, sondern aus ihm heraus zu leben, wenn wir uns bemhen, lebendige Tempel des dreieinigen Gottes zu sein.

Der heilige Paulus sagte einst auf dem Areopag in Athen von dem dreifaltigen Gott: In ihm leben wir, in ihm bewegen wir uns, und in ihm sind wir (Apg 17, 28). Das mssen wir realisieren in unserem Leben.

Die Ehrfurcht findet vor allem ihren Ausdruck in der Anbetung. Nicht Gott wird gro, wenn wir ihn anbeten. Gott ist gro, auch ohne den Menschen. Der Mensch aber wird gro, wenn er Gott anbetet. Die Anbetung Gottes darf nicht vllig verdrngt werden durch unser Bitten und durch unser Danken. Wenn wir Gott anbeten, schauen wir nur auf ihn, richten wir unseren Blick einfach auf seine unvorstellbare Gre. 

Aus dem Geist der Ehrfurcht und der Anbetung aber geht notwendig ein verantwortungsbe- wusstes Leben hervor. Leben wir aus dem Geist der Ehrfurcht vor Gott und aus dem Geist der Anbetung Gottes, dann fragen wir nicht die Menschen, wie wir handeln sollen, dann fra- gen wir nicht den Zeitgeist oder die Mode, sondern Gott selbst. Wenn man heute angesichts des Niedergangs des sittlichen Handelns der Menschen, angesichts des weltweiten sittlichen Verfalls, von der Notwendigkeit moralischer Aufrstung spricht, so msste man hier begin- nen, bei der Ehrfurcht gegenber dem unendlichen Gott und bei der Anbetung des geheim- nisvollen Gottes und der drei Personen in Gott.

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Das innerste Wesen Gottes werden wir nie vllig begreifen, auch nicht in der Ewigkeit. Aber wichtiger als Erkenntnis und Einsicht ist hier, dass wir dem Geheimnis gerecht werden, dem Geheimnis des dreifaltigen Gottes, in Ehrfurcht, in Anbetung und in einer verantwortungs- bewussten und gewissenhaften Lebensfhrung. Davon hngt das Gelingen unseres zeitli- chen Lebens im Angesichte Gottes ab, von ihm aber hngt unsere ganze Ewigkeit ab. Amen.

 

PREDIGT ZUM PFINGSTMONTAG, GEHALTEN AM 16. MAI 2005 
IN FREIBURG, ST. MARTIN

TRSTER IN VERLASSENHEIT, LABSAL VOLL DER LIEBLICHKEIT, 
KOMM, O SSSER SEELENGAST

Gem dem Johannes-Evangelium bezeichnet Jesus den Heiligen Geist als den Trster. Er soll an seine Stelle treten, wenn er sein Erlsungswerk auf Erden vollendet haben wird. Das griechische Wort, das hier verwendet wird, lautet parkletos. Des fteren hat man dieses Wort mit Beistand bersetzt. Das ist nicht falsch. Man knnte es auch mit Helfer ber- setzen oder mit Verteidiger oder mit Frsprecher. Der Heilige Geist ist uns ein Beistand oder Anwalt, in der Tat, denn helfend und vermittelnd tritt er uns zur Seite in der Zeit zwi- schen der Himmelfahrt des Herrn und seiner Wiederkunft. Er ist jedoch auch ein Trster, er ist der Trster der Gemeinde Jesu, der heiligen Kirche, schlechthin. Die bersetzung des griechischen parkletos mit Trster ist nuancierter, konkreter und aussagekrftiger. 

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Trster suchen wir da, wo wir von groem Leid niedergedrckt werden, von krperlichem oder auch von seelischem Leid. Und weil es viel Leid gibt in unserer Welt, halten die Men- schen immerfort Ausschau nach Trost und nach Menschen, die sie trsten knnen. Wer von uns mchte nicht getrstet werden? Wie oft haben wir schon auf Trost gehofft und auf einen Trster gewartet? Vielleicht hat man aber auch noch viel fter Trost erwartet von uns. Das Trsten ist eine besondere Form der Liebe. Im Trsten schenken wir Liebe, im Getrstet- werden erfahren wir Liebe, wird uns Liebe geschenkt.

Wenn wir getrstet, wenn wir Trost gespendet haben, dann haben wir vielleicht gesagt, das Leid sei nicht so schlimm, wie es erscheine, oder es werde schon wieder vorbergehen. Oder wir haben von unserem Mitleid gesprochen. Dabei gab es aber sicherlich auch Situa- tionen, in denen das Leid so gro war, dass Worte nur htten verwunden knnen oder dass sie uns im Halse stecken geblieben wren, wenn wir versucht htten, sie zu formulieren. Wenn wir nichts mehr zu sagen wissen, dann knnen wir immer noch schweigend aus- harren, wie einst die Freunde des Dulders Hiob schweigend ausgeharrt haben an seinem Schmerzenslager. Auch so knnen wir trsten, vielleicht wirksamer noch, als wenn wir viele Worte machen.

Aber menschlicher Trost ist, so sehr wir ihn suchen und begren, so wertvoll er sein kann im Augenblick, immer begrenzt. Sofern er auf die innerweltliche Wirklichkeit hin ausge- richtet ist, fehlt ihm letztlich die Tiefe, verbleibt er letztlich immer - mehr oder weniger - an der Oberflche. Und des fteren erfahren wir ihn auch tatschlich als unbefriedigend und als kraftlos, wenn nicht gar als enttuschend. Anders ist das indessen, wenn wir dabei auf Gott und auf die Ewigkeit verwiesen werden.

Der Trost. den uns die Menschen bieten knnen im Blick auf diese unsere Erfahrungswelt, ist vordergrndig, anders ist das, wenn sie uns trsten mit dem Hinweis auf den ewigen Gott, anders ist das, wenn Gott selbst uns trstet. Denn Gott lebt in unwandelbarem Glck auer- halb unseres Raumes und unserer Zeit, und er kennt kein Leid, aber er wei um unser Leid und um unsere Not. Er wei darum nicht nur in seiner Allwissenheit, er wei darum auch, sofern er es als Mensch gleichsam an seinem eigenen Leib erfahren hat. Wenn Gott uns trstet, dann schenkt er uns das, was ihn glcklich macht, unendlich glcklich macht. Das ist der Heilige Geist, die Person gewordene Liebe inmitten des Geheimnisses des dreieinigen Gottes, die Person gewordene Glckseligkeit innerhalb der unbegreiflichen Gottheit. 

Im Heiligen Geist, durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes, begreifen wir, was wir sonst nicht begreifen knnen. In ihm ahnen wir, dass auch das Leid einen Sinn hat, einen tiefen Sinn, dass wir die Lasten, die wir tragen, nicht vergeblich tragen, wenn wir sie tragen aus Liebe zu Gott, und dass Gott die Dunkelheit dieser Welt lichten wird am Ende aller Tage. Und nicht zuletzt erkennen wir im Heiligen Geist, dass Gott einmal die Gerechtigkeit herbei- fhren wird, die vollkommene Gerechtigkeit, nach der wir uns so sehr sehnen in dieser oft so ungerechten Welt.

Das ist das Eine. Der Geist Gottes schenkt uns Erkenntnis im Leid. Er lehrt uns, den tieferen Sinn unseres Schicksals zu begreifen. Er gibt dem, was uns sinnlos erscheint, eine tiefere Deutung im Licht der Ewigkeit. Darber hinaus - das ist das Zweite - schenkt er uns Kraft in unserer Hinflligkeit. In seiner Kraft knnen wir alle Lasten, die uns auferlegt werden, tapfer und mit einem frohen Herzen tragen, in seiner Kraft knnen wir wieder aufstehen, auch wenn wir zum dritten Mal unter dem Kreuz gefallen sein sollten. 

Der Heilige Geist bedeutet Licht und Kraft. Sein Symbol ist das Feuer. Im Feuer hat er sich offenbart an jenem denkwrdigen Pfingstmorgen in Jerusalem, in Zungen von Feuer. Aber nicht nur in jener Stunde der Heilsgeschichte hat er sich im Feuer offenbart. Immer wieder hat er sich in diesem Zeichen den Menschen kundgetan in der Geschichte des Heiles, der Heilige Geist. Gott ist wie ein verzehrendes Feuer, das ist ein Grundgedanke der gttlichen Offenbarung im Alten wie im Neuen Testament. Das Feuer vertreibt die Dunkelheit, und es ist potenzierte Energie. Es ist Glut, die wirksam werden kann, Kraft, die viele unserer Tru- me Wirklichkeit werden lsst, die aufbaut und uns das Leben erleichtert, die aber auch zer- strerisch sein kann. In der Kraft des Heiligen Geistes knnen wir als Zeugen Christi Gottes Reich bauen in dieser Welt, knnen wir weitergehen auf unserem Weg zur Vollendung, auch dann, wenn wir mit unserer Kraft schon lange am Ende sind. 

Das Licht und die Kraft der dritten gttlichen Person im Geheimnis des dreifaltigen Gottes, darin wird uns mehr geschenkt als in mehr oder weniger leicht dahin gesagten mensch- lichen Worten, das ist mehr fr uns als Mitleid, ja, mehr auch noch, als wenn Gott die Lasten von uns nehmen und uns einen bequemen Weg durchs Leben zuerkennen wrde.

Gewiss nimmt Gott das Leid manchmal von uns, wenn wir ihn bitten, aber es kommen neue Leiden. Das ist nun einmal das Gesetz dieser unserer Welt. Daher ist es bedeutsamer fr uns, dass wir einen Weg durch das Leid hindurch finden, als dass das Leid im Einzelfall von uns genommen wird. Und diesen Weg zeigt uns der ewige Gott und auf diesen Weg fhrt er uns, indem er uns Einsicht und Kraft schenkt, vorausgesetzt, dass wir auf seinen Geist ver- trauen und uns dem Wirken dieses Heiligen Geistes ffnen und dass wir immer neu um ihn bitten. 

Der Heilige Geist zeigt uns einen Weg durch das Leid hindurch. Dabei nimmt er uns - bild- lich gesprochen - an die Hand. So fhrt er uns durch die Dunkelheiten dieser Welt und un- seres Lebens hindurch, wenn wir uns von ihm fhren lassen. Darum, darum vor allem, be- zeichnet ihn Jesus als den Trster, als unseren Trster.

Der Trost, den dieser Trster spendet, letzten Endes besteht er darin, dass er uns die Tugend der Geduld schenkt, die Tugend der hypomon, wie es im neutestamentlichen Griechisch heit, jene Tugend, die es uns ermglicht, dass wir darunter bleiben, unter dem Kreuz, wo immer es uns auferlegt wird, dass wir in Demut ausharren, dass wir nicht davonlaufen oder versuchen, davonzulaufen. Die Geduld ist die Tugend der Heiligen. Beispielhaft hat der Er- lser sie uns vorgelebt in seiner Passion und in seinem Sterben. Von ihr hat er an einer be- deutsamen Stelle gesagt, dass wir durch sie und in ihr das Leben finden, das wahre, das un- vergngliche Leben (vgl. Lk 21,19). 

Der Heilige Geist schenkt sie uns, die Geduld, indem er unseren Verstand zu tieferer Einsicht fhrt und unseren Willen stark macht und ihn immer wieder mit groen Motiven konfrontiert. 

Auf den Trost des Heiligen Geistes drfen, ja, mssen wir bauen. Das gilt nicht nur fr einige Auserwhlte. Das ist der Weg fr einen jeden von uns. 

Der Heilige Geist trstet uns durch den Einfluss, den er auf unseren Verstand und auf unser Herz ausbt, durch die Gnade, mit der er uns immer neu beschenken und reich machen will. 

Der Trost Gottes, des Trstergeistes, er muss uns mehr bedeuten als der Trost von Men- schen, die nur auf diese unsere vergngliche Welt zu verweisen vermgen, so gut das auch gemeint sein kann, er muss uns mehr bedeuten als alle trstlichen Aspekte unserer irdi- schen Welt. Und wo immer man ein Wort des Trostes von uns erwartet, wo immer wir tr- sten drfen, da sollten wir auf den Trstergeist verweisen.

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Gott trstet uns durch seinen Geist, der das innerste Geheimnis seines gttlichen Wesens ist, die Person gewordene Liebe und die Person gewordene Glckseligkeit in Gott. Der Trster- gott trstet uns, indem er uns, wo immer wir leiden, tiefere Einsichten schenkt und ber- natrliche Kraft. Sein Symbol ist das Feuer. Der Adressat seines Wirkens ist zum einen unser Verstand, zum anderen unser Wille. In der Sequenz des Pfingstfestes, in dem alten Hymnus Komm, o Geist der Heiligkeit, beten wir: Trster in Verlassenheit, Labsal voll der Lieb- lichkeit, komm, o ser Seelenfreund". Wer knnte uns schon willkommener sein als derje- nige, der uns himmlischen Trost spendet? Bereits die natrliche Klugheit gebietet es uns, dass wir auf ihn, den Heiligen Geist, unsere Hoffnung setzen, auf den, der unserer leidvollen Welt enthoben ist und doch all unsere Leiden kennt. Amen.

 
 
 
